Vortrag des Soterichos. 57 macht Niemanden zugleich zu einem vollkommenen Musiker und Kri¬ tiker.- Weshalb man hierdurch noch kein Kritiker wird, wollen wir einzusehen versuchen. Wir ersehen dies erstens daraus, dass dasjenige, was unserem musikalischen Urtheile vorgeführt wird, theils Selbstzweck, theils Mittel zum Zweck ist. Selbstzweck ist einerseits jede Composition als solche betrachtet, also jedes durch Gesang oder Aulos- oder Kitharaspiel vor¬ getragene Musikstück, andererseits die eine solche Composition uns vorfiihrende Kunst des Virtuosen, also die Virtuosität des Aulosspieles, des Gesanges u. s. w. Mittel zum Zweck ist Alles Einzelne, was auf den genannten Zweck Bezug hat und zur Erreichung desselben noth- wendig ist : dahin gehörten die einzelnen Bestandteile des musika¬ lischen Vortrags. Wir ersehen es zweitens aus der Compositionskunst, denn mit dieser verhält es sich ebenso (auch hier ist das was Selbstzweck und was bloss Mittel zum Zweck ist zu unterscheiden). [Was nämlich den ersten dieser beiden Punkte anbetrifft], so wird man beim Anhören eines Auleten beurteilen, ob die Auloi zusammen¬ stimmen oder nicht, ob die Mehrstimmigkeit verständlich oder unver¬ ständlich ist. Alles derartige ist aber nur ein einzelner Bestandteil des auletischen Vortrags — es ist nicht Selbstzweck, sondern nur ein Mittel den Zweck zu erreichen. Denn neben diesen und allen anderen Einzelheiten des auletischen Vortrages wird man die ethische Wirkung desselben auf unser Gemüth zu beurteilen haben, ob diese dem Geiste der vorliegenden Composition, welche der Virtuose zur Darstellung hat bringen wollen, angemessen ist oder nicht. Dasselbe gilt auch, um nun auf den zweiten Punct einzugehen, von den Fehlern, welche von der Compositionskunst beim Nieder¬ schreiben in den Musikstücken begangen werden. Klar wird das werden, wenn man eine jede der theoretischen Musik-Disciplinen ihrem Inhalte nach näher sich ansieht. Die Harmonik nämlich be¬ handelt die Tongeschlechter, Intervalle, Systeme, die Töne, die Tonarten und die Uebergänge aus einem Systeme in das andere, aber weiter erstreckt sie sich nicht, so dass man nicht einmal suchen darf, aus der Disciplin der Harmonik zu erkennen, ob der Com- ponist in einer dem Character der Tonarten entsprechenden Weise den Anfang in hypodorischer, oder den Schluss in mixolydischer und dorischer, oder die Mitte in hypophrygischer und phrygischer Tonart gesetzt hat, denn auf derartige Fragen geht die Disciplin der Harmonik