652 DRITTER ABSCHNITT. DIE LEHRE VON DEN GESICHTSWAHRNEHMUNGEN. §• 30. niren ; sondern Sie erscheinen auf die Oberfläche desjenigen reellen Objects, auf welches die Augen gerade gerichtet sind, projicirt zu sein. Zuweilen indessen wenn die Nachbilder recht scharf und deutlich sind, und wenn die vorliegende reelle Oberfläche keine hervortretende Zeichnung hat, gelingt es auch wohl das Nachbild mit körperlichen Dimensionen und selbständiger Lage im Raume zu erkennen. Auch wenn man stereoskopische Zeichnungen im Stereoskop combinirt, wo man ausser ihnen keinen andern Gegenstand sieht, mit dem man die absolute Entfernung des erscheinenden Raumbildes vergleichen könnte, ist man ziemlich ünsicher über die absolute Entfernung desselben; und wenn man die Lage des scheinbar gesehenen Objects mit der Hand ausserhalb des Kastens zu bezeichnen sucht, begeht man ähnliche Fehler, wie Wundt sie bei der Schätzung der Entfernung des zweiäugig gesehenen Fadens fand. Blickt man dann abwechselnd über dem Instrumente hinweg und durch dasselbe, so kann man leicht die Lage der Hand mit der des stereoskopischen Raumbildes vergleichen und den Fehler schätzen, den man gemacht hat. Auch hierbei finde ich, wie Wundt, dass ich meist geneigt bin, das Raumbild für näher zu halten, als es ist. Sehr viel besser als mit der nach dem Gefühl bestimmten Lage der nicht gesehenen Hand pflegt dagegen die Vergleichung mit einäugig rechts und links vom Ste¬ reoskop gesehenen Objecten zu gelingen. Die Kästen der BREWSTEü’schen Stereoskope sind meistens nicjit so breit, dass man nicht mit dem rechten Auge einige von den rechts liegenden reellen Objecten, mit dem linken links liegende sehen könnte, deren Entfernung und Grösse bekannt ist. Trotzdem man diese nur einäugig sieht, und trotzdem die Entfernung des stereoskopischen Raum¬ bildes nur durch das zweiäugige Sehen bestimmt wird, macht man meist ziemlich genaue Bestimmungen, die nicht viel geändert werden, wenn man nachher das Raumbild mit zweiäugig über oder unter dem Stereoskop gesehenen reellen Objecten vergleicht. Dieses letztere Verfahren zeigt, dass die Beurtheilung der Entfernung nach der Convergenz der Gesichtslinien unter günstigen Umständen und wenn sie durch keinerlei beirrende Einflüsse gestört wird, ziemlich gute Resultate giebt. Aber es ist eines derjenigen Momente der Beurtheilung, welches leicht über¬ wogen wird durch andere, die ihm widersprechen, wie in dem vorher citirten Beispiele der Bilder, die sich auf eine Fläche von bekannter Entfernung pro- jiçiren. Auch die sogenannten Tapetenbilder1 zeigen unzweideutig den Einfluss der - Convergenz. Wenn man nämlich nach einer Tapete, deren Muster sich gleichmässig wiederholt, mit convergenten Blicklinien hinsieht, so gelingt es bei gewissen Graden der Convergenz entsprechende Theile des Musters zur Deckung zu bringen, entweder das erste mit dem benachbarten zweiten, oder auch das erste mit dem dritten oder vierten. Man sieht alsdann ein verklei¬ nertes Bild der Tapete, welches, dem Beobachter näher, scheinbar in der Luft schwebt, desto näher und kleiner, je grösser die Convergenz ist. Wenn hierbei 1 II. Meyer in Roser und Wundeblich Archiv. 1842. Bd. I. — 1). Brewster in Philos. Magen. XXX, 305.