64 G. Stumpf. [94,27] sich die Stärke ja auch schon bei einer festen Tonhöhe während deren Dauer stetig verändern und kann umgekehrt während einer Tonbewegung eine Stärke die andere unstetig ablösen. Man müfste für die bewegten Tonhöhen besondere Be¬ zeichnungen und Symbole erfinden und hat es zuweilen ver¬ sucht. Verläuft die Bewegung in gleichbleibender Richtung und Stärke, so ist sie zwar durch Angabe ihrer Grenzpunkte im allgemeinen charakterisiert, aber selbst dann gibt es noch zahllose Modifikationen je nach dem Tempo; und dieses selbst kann für die einzelnen Teilstücke verschieden sein, wofür be¬ sondere Epitheta und Zeichen erforderlich wären. Noch mehr bedürfte es solcher für die Unterschiede des Höhenverlaufes selbst zwischen den beiden Endpunkten. Bleibt die Stärke konstant, so bedarf es für sie keiner anderen Mafsbezeichnungen als für die eines ruhenden Tones; verändert sie sich aber ebenfalls, so sind wieder besondere Kategorien einzuführen, wie sie die Musik für ihre diskreten Tonschritte und die festen Einzeltöne im „Crescendo, Diminuendo“ usw. und den ent¬ sprechenden anschaulichen Zeichen besitzt. Lassen wir die „Vokalität“ als eine selbständige Grund¬ eigenschaft neben Höhe und Stärke bei ruhenden Tönen gelten so kommt auch dieses Attribut bewegten Tönen in analoger Weise wie Höhe und Stärke zu und kann auch seinerseits in Bewegungsform auftreten. Wenn z. B. bei einem freudig über¬ raschten „Ah!“ die Stimme stetig in die Höhe und wieder herabsteigt, kann der Vokalcharakter gleichbleiben oder sich mitverändern. Neuerdings hat Isserlin auf objektivem Wege, durch Aus¬ zählung der Zacken von Vokalkurven, gezeigt, dafs in der lebendigen Sprache mit der Tonhöhe tatsächlich auch die Klangfarbe der Vokale stetig wechselt, indem der Formant einunddesselben Lautes während des Aussprechens beim Frage¬ satz steigt, bei der Affirmation sinkt.1 Mit dem Formanten ändert sich dabei natürlich der Vokal selbst, es ist eben, genau gesprochen, nicht mehr dasselbe A oder 0, sondern ein sich stetig erhellendes oder verdunkelndes. Es wäre dann also 1 Isserlin, Psychologisch-phonetische Untersuchungen (Sitzungsber.), Zentralbl. /'. d. gesamte Neurologie u. Psychiatrie 26, S. 77.