[LXIIL 175] Zur Psychophysik des Gesanges. 35 sehr deutliche Differenz, wie sie auch von wenig geübten Versuchs¬ personen sofort erkannt wird. Und gerade hierbei haben seine Versuchspersonen nur einen Fehler von 1,5 °/0 gemacht. Je nach¬ dem man ihre Tonhöhe also auf die Tendenz bezieht, eine reine oder aber eine temperierte Terz zu intonieren, kommen hier auch ganz verschiedene Resultate bei der Berechnung heraus. Sokolowski berechnet alles nur auf die reine Terz. Wenn man also nicht in diesen Resultaten einen Versuchsfehler sehen will, insofern als weder die Fehlergrenzen der Methode, noch die individuellen Gewohnheiten der Sänger genau berücksichtigt sind, so mufs man zum mindesten dieser Deutung widersprechen, weil sie ebenso mit den akustischen wie mit musikpsychologischen Tat¬ sachen im Widerspruch steht. Dafs die reine Quint ungenauer als das Unisono intoniert wird, kann ich bestätigen. Indessen habe ich nie so grofse Abweichungen gefunden wie Sokolowski. In meinen eigenen Selbstbeobachtungen sowie in denen meiner geübtesten Versuchsperson finde ich eine Erklärung dafür in dem für unsere Sängerohren unbefriedigenden „leeren“ Intervall, der Quint. Da aber auch auf anderen Intervallen nicht genau intoniert wird, so mufs es noch andere Gründe geben.1 Einen solchen zweiten Grund für das Unreinsingen mufs man im Physiologischen suchen. Nach meinen Beob¬ achtungen detonieren musikalische Sänger, die sonst rein singen, meist auf einer bestimmten Tonhöhe, die der Stelle eines Registerwechsels oder anderer Umspannungen im Kehl¬ kopf, z. B. „Decken“, entspricht. Kommt dazu noch ein unbe¬ quemer Vokal, unbequeme Tonintensität oder Schwierigkeiten 1 Ein Hinweis auf die Wichtigkeit musikgeschichtlicher Betrach¬ tungsweise : die Quint hat nicht immer diesen Gefühlscharakter gehabt, sie besitzt ihn erst seit etwa 1400. Unsere Terzen und Sexten hingegen wären für frühmittelalterliche Ohren etwa ebenso unerfreulich gewesen, wie uns Heutigen die simultanen Quinten klingen. Solche Untersuchungen, wie die eben besprochenen, würden also, hätte man sie an mittelalterlichen Kunstsängern ausführen können, wohl bessere Resultate bei Quinten, schlechtere bei Terzen und Sexten ergeben haben. Dementsprechend wäre die noch nicht experimentell untersuchte Frage, ob man in alten Ensemblesätzen a cappella rein sänge, in modernen aber temperiert (eine Frage, die alle gebildeten Musiker an den Musikpsychologen richten), vor allem systematisch experimentell daraufhin zu prüfen, wie die grofsen Terzen intoniert werden. 3*