[LXIII. 163J Zur Psychophysik des Gesanges. 23 wenn man den Sänger ohne jene leitende Verbindung hört. Wie seine Stimme uns jetzt vernehmlich ist, wo sie durch Luft und Knochenleitung uns zugeführt wird, so hört sich der Sänger selber. Aus diesem Experiment können wir also erkennen, wie abweichend bei einem Individuum die eigene Vorstellung vom Klange seiner Stimme von dem für Andere hörbaren Klang der Stimme ist.1 Psycho¬ logisch wichtig ist ferner, dafs bei der Beobachtung der eigenen Stimme meist das subjektiv Auffällige im Vordergrund der Aufmerksamkeit steht, z. B. die Vibrationen des Kopfes, der Lippen und besonders des Brustkorbes. Diese sind aber gesangsphysiologisch irrelevant. Charakteristisch ist jedoch, dafs der Ausdruck „Bruststimme“ gerade von diesen subjektiv auffälligen Vibrationen im Brustkasten herrührt, während in der Tat die entsprechende Art der Stimmgebung auf physio¬ logisch wesentlich anderen Momenten, nämlich dem Schwingungs¬ modus der Stimmlippen beruht. Auch die Muskel- und Ge¬ lenkempfindungen, die vom Singorgan ausgehen, führen völlig irre ; falsche Muskelinnervationen können allerdings manchmal einen richtigen Endeffekt bewirken, weil sie zugleich mit jenen unrichtig innervierten Muskeln andere Muskelgruppen durch Mitbewegung richtig einstellen. Schliefslieh fehlen der Selbst¬ beobachtung die messenden, quantitativen Methoden. Auf der anderen Seite sind die Untersuchungsmethoden der Medizin bedenklich, weil sie durch Spiegel, Kopfhalter und andere Maschinen die Versuchspersonen beunruhigen und sie oft dazu treiben, unbewufst gerade das zu unterlassen, was für ihre Art des Singens das Wesentliche ist. Daher hat die strobo¬ skopische Methode, welche mittels eines Kehlkopfspiegels und eines Stroboskops erlaubt, die Stimmbänder während der Bewegung in langsamer Scheinbewegung oder in einer schein¬ baren Ruhestellung genau zu beobachten und zu studieren, leider für viele gesangstechnische Probleme, bei denen man 1 Einen Ausweg könnte das Grammophon resp. der Phonograph bieten, insofern er jedem Sänger ermöglichte, seine eigene Stimme allein durch Luftleitung zu hören. Leider aber fälscht dieser Apparat den Klang mancher Stimmen ganz erheblich; auch gibt er keinen Zischlaut wieder. Genaueres darüber auf S. 25.