[LVIII. 336] Konsonanz und Konkordanz. 131 ruht (vom Halbton, sagt Zarlino, kommt alles Gute in der Musik). Kleinere Schritte mögen in der Praxis oft genug Vor¬ kommen, beabsichtigt und unbeabsichtigt, sie sind aber im System als solchem nicht enthalten. Wenn enharmonische Rückungen * erforderlich werden, so geschieht es gerade, um die Reinheit des diatonischen Systems zu wahren. Das sind nicht Ton¬ schritte innerhalb einer Leiter, sondern von der einen zur anderen. Wollten wir nun die natürliche Septime 4 : 7 (und da¬ mit auch die Intervalle 5:7, 6:7, 7:8) einfügen, so würde sie ganz dicht neben einem Ton zu liegen kommen, der bereits auf Grund stärkerer Konsonanz eingeführt ist. Wir würden sie nicht als selbständigen Ton, sondern als erniedrigte Leiterseptime 5 : 9 oder (je nach dem Zusammenhang) 9 : 16, d. h. als kleine Terz der Dominant oder als Quarte der Subdominant verstehen, und wir würden auch den Tonschritt von ihr zur wirklichen Leiterseptime nicht als einen selbständigen Tonschritt neben den Ganz- und Halbtonschritten, sondern nur als eine veränderte Intonation einer Leiterseptime auffassen. Dafs in vereinzelten Fällen die Septime tatsächlich im Sinne von 4:7, d. h. als Halbkonsonanz, intoniert und sogar auch als solche verstanden werden mag, wollen wir nicht leugnen. Aber die Siebener als Bauelemente unseres Musiksystems anzusehen, wie es einige Psychologen, ohne von der langen Geschichte dieser Angelegen¬ heit zu wissen, neuerdings versucht haben, kann ich nur für eine grofse Verirrung halten. Wenn wir von c ausgehen, so ist das b, das in der harmonischen oder absteigend melodischen C-moll-Leiter vorkommt, durch 5:9 gegeben, da es die Terz des Molldreiklanges auf der Dominant g ist. Wenn wir aber von der C-Tonart durch ein b nach der F-Tonart modulieren, so dafs also c selbst als Dominant zu f verstanden wird, dann mufs b in seiner Abstim¬ mung bereits auf f bezogen, also von c aus durch zwei Quartenschritte be¬ rechnet werden, was 9: 16 ergibt. Den Unterschied der „natürlichen“ Sep¬ time von der des Dominantseptimenakkords macht man sich am besten deutlich, indem man den Grundton dieses Akkords, in C-dur also g — 36 (c selbst = 24) setzt. Dann wird das „natürliche“ fl = 63, das des Sep¬ timenakkords = 64. Denkt man sich diese Zahlen mit 10 multipliziert und als Schwingungszahlen, so liegen die Töne in der mittleren Tonregion, und ihre Differenz, 10 Schwingungen, ist merklich genug. Aber der Halbton¬ schritt von 640 nach unten beträgt 40 Schwingungen. Daher würde das „natürliche“ f, wenn die ihm eigentümliche tiefere Intonation auch bemerkt werden sollte, doch im allgemeinen als ein leitereigenes, als eine diatonische Septime aufgefafst werden. Wir hören oft viel stärker verstimmte Töne, die wir doch richtig auf die gemeinten Leitertöne beziehen. 9*