116 [LVIII. 321] Konsonanz und Konkordanz.1 Nebst Bemerkungen über Wohlklang und Wohl¬ gefälligkeit musikalischer Zusammenklänge. Von C. Stumpf. Die Grundbegriffe der Musiktheorie bilden ein gemeinschaft¬ liches Untersuchungsfeld für die von der praktischen Musik und ihrer Geschichte ausgehenden Musikforscher und für die physi¬ kalischen, physiologischen und psychologischen Akustiker, die von den elementaren Tatsachen des Hörens aus die musikalischen Erscheinungen und Bildungen als einen besonders interessanten Fall der Gehörserscheinungen überhaupt und der daran ge¬ knüpften psychischen Leistungen betrachten. Dadurch sind seit den Zeiten des Pythagoras enge Wechselbeziehungen entstan¬ den, aber es sind auch immer gewisse Differenzen und Streitig¬ keiten aufgetreten, die in den verschiedenen Ausgangspunkten und Zielen wurzeln. Es ist bekannt, welchen Einflufs die Entdeckung der Ober¬ töne und Differenztöne auf die Musiktheorie gewann, und welche Erfolge die physikalisch - physiologische Akustik in Helmholtz’ Meisterhand erzielte. Aber seine Konsonanzlehre, die er zu einer sehr konsequent durchgebildeten Akkordlehre entwickelte, hat doch mehr die Naturforscher als die Musiker zur unbedingten Aner¬ kennung hingerissen. Im Kreise derer, die von der Musik und ihrer Geschichte ausgehen, ist sie niemals heimisch geworden. Vielmehr hat man die Heranziehung der Obertöne, wonach Klang¬ farbenunterschiede von wesentlicher Bedeutung für Konsonanz und Dissonanz sein müfsten und Intervalle einfacher Töne diese 1 In kürzerer Form erschien diese Abhandlung in der Festschrift zum 90. Geburtstage Rochus v. Liliencrons (Leipzig 1910).