[IV. Kongr.-Ber. 269] Uber d. Bedeutung ethnolog. Untersuchungen usw. H5 rung zeigen läfst, von dem strengen mathematischen Zeitschema erheblich ab und werden doch bei den Wiederholungen erstaun¬ lich genau mit allen diesen Abweichungen reproduziert. 3. Aufbau. Auch in der primitivsten Musik, die uns heute noch erreich¬ bar ist, z. B. den Gesängen der Wedda, finden wir die kurzen und sehr einfachen melodischen Motive nach bestimmten Gesetz- mäfsigkeiten angeordnet. Wie weit die formale Komplikation in den Zeitkünsten auch ohne optische Hilfen getrieben werden kann, zeigt die Musik der orientalischen Kulturvölker, deren Tonschrift¬ versuche fast ohne jede praktische Bedeutung geblieben sind. So sind viele chinesische Musikstücke von einer Künstlichkeit des Auf¬ baus, wie sie auch die Dichtungen dieses Volks auszeichnet. Wie sich die musikalischen Verszeilen zur Strophe, die Motive zur Verszeile zusammenfügen (Parallelismus), erscheint nicht minder raffiniert, als die ungeheuer mannigfaltigen Arten der Variation eines Motivs, von denen manche (Transposition, Modulation, Se¬ quenz, Umkehrung, Vergröfserung usw.) auch in unserer Kunst¬ musik üblich, andere — z. B. Vertauschung einzelner Töne mit ihrer Quinte oder Quarte — uns ganz fremd sind. Ein und dasselbe Motiv weist oft durch Ähnlichkeiten in verschiedener Hinsicht gleichzeitig auf mehrere andere hin, und die Möglich¬ keit, dieselben Tonfolgen in verschiedener Weise zusammen¬ zufassen, erscheint in vielen Fällen als beabsichtigter Reiz. Für diese formalen Beziehungen läfst sich manches Analoge in der Ornamentik finden, und auch ohne die fundamentalen Unter¬ schiede der Raum- und Zeitkünste zu verkennen, könnte eine vergleichende Betrachtung vielleicht gemeinsame psychologische Grundlagen der ästhetischen Wirkung in beiden Gebieten auf¬ decken. 8*