[IV. Kongr.-Ber. 257] Über d. Bedeutung ethnolog. Untersuchungen usw. 103 auf eine empirische Grundlage stellten. Aber im Gegensatz zu Fechnee hat Waitz unter den Psychologen zunächst keine Nach¬ folger gefunden. Die neuen Methoden und Probleme der Psycho- physik nahmen die Aufmerksamkeit ausschliefslich in Anspruch. Jetzt ist es aber Zeit, auch die ethnologischen Untersuchungen wieder heranzuziehen und sie mit den experimentellen zu ver¬ binden. Diese Erkenntnis liegt Wundts „Völkerpsychologie“ zu¬ grunde, mit deren methodischem Grundgedanken wir sonach völlig übereinstimmen. Fraglich ist es nur, ob für ein solches Unternehmen in so grofsem Rahmen heute schon das zuverlässige Material hinreichend beisammen ist. Zur Verknüpfung der experimentellen mit der ethnologischen Forschung eignet sich besonders das Gebiet der Sprache und das der Kunst. In beiden Gebieten lehren uns ethnologische Be¬ trachtungen, das, was wir an uns finden, nur als einen speziellen Fall unter vielen Möglichkeiten anzusehen, aus denen es sich all¬ mählich abgesondert hat, wie z. B. die gegenwärtige Lautsprache aus der Masse der ursprünglichen Verständigungsmittel. Dafs eine gesunde Sprachpsychologie, ja auch Sprachphilosophie, nur auf ethnologischem Hintergrund möglich sei, ist eine längst an¬ erkannte Einsicht, wenn auch die literaturlosen Völker von den Sprachforschern noch zu wenig beachtet werden. In der Kunstphilosophie dringt dieselbe Einsicht langsamer durch. Immer noch operiert die Theorie der Künste so gut wie gar nicht oder doch viel zu wenig mit exotischem Material. Die experimentelle Ästhetik aber, wie sie im Gefolge der experi¬ mentellen Psychologie entstanden ist, hat trotz einzelner hübscher Arbeiten im ganzen — wir müssen es gestehen — noch herzlich wenig Ergebnisse geliefert. Auch für sie ist es höchste Zeit, sich mit geschichtlichen und ethnologischen Forschungen zu verbinden : sie mufs die vergleichende Methode in sich aufnehmen. In dieser Art haben wir bereits treffliche, lehrreiche, auf¬ klärende Studien über die primitiven Zeichnungen bei Natur¬ völkern, und man hat sie fruchtbar verknüpft mit den Ergeb¬ nissen der Beobachtung und des Experimentes über Kinder¬ zeichnungen. Ebenso haben wir vorzügliches Material über Ornamentik bei den Naturvölkern (Boas, v. d. Steinen, Stephan u. a.). Auch da wachsen neue Probleme aus dem Boden und empfangen die alten neues Licht. Für die Psychologie und Ästhetik der Tonkunst habe ich