76 Max Meyer. [XVI. 362] und an Brauchbarkeit, wie ich mich überzeugte, von der Methode der richtigen und falschen Fälle entschieden übertroffen wird. Von vorn herein scheint der Vorzug der Methode der Minimal¬ änderungen darin zu bestehen, dass man mit geringerer Mühe, weil mit einer kleineren Zahl von Einzelbeobachtungen zum Ziele gelangt, als bei der Methode der richtigen und falschen Fälle. Dieser Vorzug der Methode der Minimaländerungen be¬ steht jedoch in Wirklichkeit nicht. Man kann sich, wenn man nicht auf Eleganz, sondern nur auf Brauchbarkeit der Tabellen sieht, bei der Anwendung richtiger und falscher Fälle mit einer ziem¬ lich kleinen Zahl von Einzelbeobachtungen begnügen, die durch¬ aus nicht grösser ist, als die für die Methode der Minimal¬ änderungen erforderliche, falls man diese so in Anwendung bringt, dass sie überhaupt den Namen einer wissenschaftlichen Methode verdient.1 Wenn wir das Verhalten der Unterschiedsempfindlichkeit in verschiedenen Tonlagen feststellen wollen, so müssen wir die Wahrscheinlichkeit haben, dass die vermittelst der angewandten Methode für verschiedene Tonlagen gewonnenen Zahlen möglichst rein die Wirkung derjenigen Empfindungsunterschiede darstellen, deren Beurtheilung wir uns als Zweck gesetzt haben, in unserem Falle also die Wirkung der Tonhöhenunterschiede, und dass andere Momente, die das Urtheil beeinflussen könnten, ent¬ weder überhaupt nicht vorhanden sind oder doch in den ver¬ schiedenen Tonlagen in gleicher Weise zur Wirkung kommen, so dass die Vergleichbarkeit der Zahlen nicht beeinträchtigt wird. Diese Bedingung nun scheint mir bei der Methode der Minimaländerungen keineswegs erfüllt zu sein. Bei Luft’s Versuchen wurde vom Nullpunkte ausgegangen. Vor der Versuchsreihe wurde dem Beobachter gesagt, ob die Vergleichsgabel tiefer oder höher gestimmt werde. Der Be¬ obachter hatte dann anzugeben, wann er eine Verschieden¬ heit der Töne bemerkte. Wie wir nun im vorigen Abschnitte, sahen, behaupten manche Beobachter früher zu bemerken, ob die Töne verschieden sind, als, welcher höher und welcher tiefer ist; und dies bei der Fragestellung : „welcher Ton höher?“. Wir 1 Zu derselben Ansicht gelangt auch V. Henri in seinem soeben er¬ schienenen Buch: lieber die Raumwahrnehmung des Tastsinnes, Berlin, 1898, S. 9—12.