H a e n 1 e i n , Die Stellung der Phonetik etc. 53 VI. Die Stellung der Phonetik in der Taubstummenbildung. Von Dr. OSKAR HAENLEIN in Berlin. Wie H. D. Müller in seinem Werk über den Sprachbau der indogermanischen Sprachen ausführt, ist die jedem Menschen an¬ geborene Sprache die Zeichen- und Gebärdensprache. Im Leben der Taubstummen spielt die Gebärdensprache die Rolle der Mutter¬ sprache. Unter Mithilfe seiner Umgebung, sagt Reuschert in seinem Werk über die Gebärdensprache, schafft sich der Taubstumme die Gebärdensprache. In geistvoller Weise hat vor allen de l’Epée die nur für die Be¬ zeichnung weniger Dinge ausreichende natürliche Gebärdensprache zu einer kunstvollen künstlichen ausgestaltet. Diese künstliche Zeichensprache vermag wohl konkrete und abstrakte Dinge zu be¬ zeichnen. Sie kann aber, wie Friedeberger sagt, nicht zum ad¬ äquaten Ausdruck höherer Denkoperationen verwendet werden. Vom Standpunkt des Taubstummenlehrers unterscheidet Forch- hammer zweierlei Gebärden. 1. Die Taubstummengebärden. 2. Sprachliche Gebärden (zur Sichtbarmachung der Sprache der Taubstummen), a) das Handalphabet, b) artikulatorische Hilfszeichen, um Lage der Zunge etc. zu erklären c) supplierende Ablesezeichen, um die unsichtbaren Organ¬ stellungen damit zu veranschaulichen. Sollen sich die Taubstummen als brauchbare Glieder in den Rahmen der modernen Gesellschaft einfügen, so müssen sie sich mit ihren hörenden Mitmenschen in der bei diesen gebräuchlichen Weise verständigen. Selbst de l’Epée sagt: Die Menschen werden niemals lernen, ihre Finger und Augen zu Postboten abzur.chten, um das Vergnügen zu haben, sich mit den Taubstummen zu unter¬ halten Das einzige Mittel, dieselben ganz der Gesellschaft wieder-