VERKENNUNG DER PHYSIOLOGISCHEN ÜBUNG. an ästhetisch befriedigendem Aussehen (86). Aber erfahrungs¬ gemäß und regelmäßig geht alles Einüben vom Maximum, von anfänglicher Kraftvergeudung und Überanstrengung aus, von der groben zur feinen Technik. Das sind bekannte Dinge. Daß beim technischen Lernen die sogenannten Mitbewegungen, d. h. diejenigen Bewegungen, welche die rechte Gliedmaße mit der linken und umgekehrt unwillkührlich mitmacht, zu allererst be¬ seitigt werden, ist ziemlich die bestgekannte Seite der Übung, aber es ist auch nur die sinnfälligste, gröbste Vorstufe. Physio¬ logisch viel wichtiger und weniger an der Oberfläche liegend sind die Nebenbewegungen, d. h. die vorher erwähnten zweck¬ widrigen Bewegungen des Anfängers, welche benachbarte Mus¬ keln und Muskelteile zuerst unwillkürlich mitmachen, und welche durch den Fortgang der Übung allmählich kleiner und schwächer und zuletzt ganz ausgeschaltet werden. Je geläufiger eine Bewegung, um so mehr sind die Nebenbewegungen schon vermieden. Daher das anfängliche Ungeschickte, Eckige, Un¬ beholfene ungewohnter und unbekannter Bewegungen. Der Körper macht’s also eigentlich ganz anders, gerade ent¬ gegengesetzt, wie die Herren Musiklehrer es für richtig halten, wenn sie behaupten, bei der Ausbildung der Klaviertechnik müßten „ganz neue, dem Körper bisher unbekannte“ Be¬ wegungen, sog. Kunstbewegungen eingeübt werden (26). Gerade umgekehrt : aus der Masse der längst bekannten und geläufigen Bewegungen, über die der normale Körper von Kindheit an verfügt, scheidet er, wenn neue Aufgaben an ihn herantreten, immerfort aus, wählt die passenden zusammen und sucht gleich¬ sam die nicht passenden zu verlernen und immer auszusondern. Das ist sein Kunstgriff. Wenn wir die rechte Nutzanwendung daraus ziehen, dann muß die Parole lauten : Freiheit den Glied¬ maßen, loslassen, nicht ängstlich verhalten und fixieren, denn der Körper, sich selbst überlassen, findet den Weg allein und so absolut sicher, daß er sich nicht einmal durch Verdrehung und Vergewaltigung beirren und von seinem Ziel abbringen läßt. J* 3 7 J*