Ueber die Verrichtungen des Grosshirns. 413 51 Thiere diesen Studien geopfert. Was die Methode der Ver¬ letzung des Gehirns anlangt, so bin ich dem bewährten Verfahren, die graue Masse des Hirns durch einen andauernden Wasserstrahl herauszuspülen, treu geblieben. Ich kann auf die Beschreibung des 4 Verfahrens, die ich auf Seite 4 der ersten Abhandlung gegeben habe, verweisen. Fast ausnahmslos habe ich die Verstümmelung des Gross¬ hirns auf mehrere Operationsakte vertheilt, dergestalt, dass zwi¬ schen zwei Operationen jedesmal ein Zeitraum von einigen Wochen verstrich. In der Regel verfuhr ich folgendermassen. In der ersten Sitzung wurden zwei Trepanlöcher linkerseits im Bereich des pla¬ num temporale angebracht, und ein Theil der linken Halbkugel des Grosshirns herausgespült. Nach Verlauf mehrerer Wochen, nach¬ dem inzwischen die äussere Wunde längst vernarbt war, wurde der¬ selbe Eingriff rechterseits gemacht. Abermals nach einer Frist von einigen Wochen wurde die linke Halbkugel einer neuen Durchspü¬ lung unter Anlegung neuer Trepanlöcher unterzogen. Der nächste Operationsakt galt dann wieder der rechten Halbkugel. Zu mehr als vier Operationsakten habe ich es in dieser Versuchsreihe bei einem und demselben Thiere bisher nicht gebracht, weil die Thiere den unvermeidlichen Zwischenfällen erlagen. Die Mehrzahl starb an Gehirnentzüudung oder an deren Folgen. Einige gingen plötz¬ lich, nachdem die äussere Wunde längst verheilt war, an einer frischen inneren Hirnblutung zu Grunde. Bei Einzelnen liess sicli trotz sorgfältiger Untersuchung der Leiche die nächste Ursache des Todes nicht ermitteln. Auf Grund der Erfahrungen, welche ich an einseitig operirten Thieren gemacht hatte, konnte ich die Störungen, welche bei doppelseitig Verstümmelten eintreten mussten, zum gros¬ sen Theil vorausberechnen, doch wurde ich auch durch manche Er¬ scheinung überrascht, die ich nicht vorausgesehen hatte, wenn ich sie auch jetzt nachträglich als nothwendig abzuleiten vermag. Um das Gesagte durch ein Beispiel zu erläutern, so wird Jemand, der einen Einäugigen noch so sorgfältig beobachtet hat, sich doch keine hinreichende Vorstellung von der Hilflosigkeit eines Blinden machen, der beide Augen verloren hat, obwohl beide Augen gleichwerthige Organe sind. Der Abstand zwischen einem Thiere, dessen eine Hirn¬ hälfte verstümmelt ist und einem solchen, welches auf beiden Sei¬ ten des Grosshirns annähernd symmetrische Verletzungen davon¬ getragen hat, ist ebenso gross wie zwischen einem Einäugigen und einem Blinden.