38 J. Loeb: Bewegung- unterliegt kleineren Schwankungen bei der Aenderung der Länge der Wegstrecke als die mittlere Geschwindigkeit der Bewegung. VII. U e b er den Einfluss, welchen Aenderung der Druckreize auf die Vorstellung der Form der getasteten Objecte ausübt. Wir haben gesehen, dass für die Vorstellung von der Grösse und der Richtung unserer eigenen Willkürbewegungen lediglich der Willensimpuls, aber nicht die durch die Bewegung des thä- tigen Organs ausgeübten sensibelen Reize bestimmend sind. Durch¬ aus anders verhält es sich mit unserer Vorstellung von der Form getasteter Objecte. Die Aenderungen des Druckes, welchen die Gegenstände auf den tastenden Körper ausüben, sind von wesentlichem Einfluss auf die Auslegung der Form der Objecte. Ich hatte mir vom Mecha¬ niker ein System tastbarer, starrer, sich schneidender Geraden aus prismatischen Eisenstäben hersteilen lassen. Die Stäbe waren auf einem ebenen Brett befestigt und die nach oben gerichteten Kanten sollten alle in einer Ebene liegen. Als ich den Finger über die Stäbe hinführte fand ich, dass die Kanten anstatt in einer Ebene zu liegen,2 bergauf und bergab gingen. Diese Empfindung war so mächtig, dass selbst genaues Hinsehen sie nicht sofort zu besei¬ tigen vermochte. Eine Prüfung aber zeigte, dass diese Empfin¬ dungen nicht durch die geometrischen Verhältnisse, sondern durch physiologische Eigenthümlichkeiten bedingt waren. Geometrisch lagen die Kanten wirklich in einer Ebene. Es seien AB und CD (Figur 7) zwei im Punkte 0 sich kreuzende Stäbe. Werden nun die Finger einer Hand auf der scharfen Kante CD in der Richtung von C nach D geführt, so scheint, wenn der Finger über 0 hingleitet, CO gegen AB aufzu¬ steigen, O D dagegen sich zu senken. Die Kanten C 0 und D 0 scheinen dachgiebelförmig gegen die scheinbar höher liegende Kante AB sich zu erheben. Führt man aber den Finger von B nach A, so scheint in der gleichen Weise CD höher zu liegen. Der Grund für diese Erscheinung ist leicht einzusehen. Beim Hin¬ gleiten des ^Fingers über die quere Kante erleiden die einzelnen Elemente der Haut, zuerst, wenn sie sich der Kante nähern, einen