460 Emil Kraepelin. punkt. Wie das Gleichgewicht in unserem Körperhaushalte fort¬ während durch das verwickelte Ineinandergreifen der verschieden¬ artigsten Leistungen aller Theile vermittelt wird, so ist auch unser Seelenzustand in jedem Augenblicke von dem Zusammenwirken man¬ nigfaltiger, sich vielfach durchkreuzender Vorgänge bestimmt. In ihren allgemeinen Umrissen ist -uns diese Abhängigkeit unseres Ich von Allgemeinbefinden und Stimmung, von Ermüdung, Ruhe und Schlaf, von Hunger und Sättigung u. s. f. vollkommen bekannt. Sie lässt sich aber auch in ihren Einzelheiten verfolgen, sobald man zu dem Hülfsmittel des planmässigen psychologischen Versuches greift. Wir sind im stände, nicht nur die Schwankungen unserer seelischen Leistungen nachzuweisen und zu messen, sondern auch bis zu einem gewissen Grade ihre Ursachen aufzudecken und die Theilvorgänge von einander zu trennen, aus denen sich jeweils die Gesammtleistung zusammensetzt. Freilich werden wir uns dabei zunächst zu beschei¬ den haben. Es sind bis heute nur einzelne, sehr einfache Formen der geistigen Thätigkeit, aus denen wir Maßbestimmungen für die wechselnden Zustände unseres Innern ahleiten können. Wir dürfen indessen wohl erwarten, dass die einmal gewonnenen Grundanschau¬ ungen sich späterhin auch auf anderen Gebieten des Seelenlebens als gültig erweisen werden. I. Der Oaug der Arbeitscnrve. Die Frage nach den Schwankungen der geistigen Leistungen ist mir zuerst bei dem Bestreben nahe getreten, die Beeinflussung des Seelenlebens durch äußere Einwirkungen, insbesondere durch Gifte, zu messen. Bei solchen Versuchen zeigte sich nämlich, dass die Dauer einfacher psychischer Vorgänge an verschiedenen Tagen unter gleichen äußeren Umständen durchaus nicht die gleiche war. Ging daraus die Abhängigkeit der geistigen Thätigkeit von wechselnden inneren Bedingungen hervor, so musste mit der Möglichkeit gerech¬ net werden, dass sich Aenderungen auf diesem Gebiete auch schon im Laufe eines länger dauernden einzelnen Versuches heraussteilen könnten, die dannjrrthümlicher Weise als Giftwirkungen hätten ge¬ deutet werden können. Unter diesen Umständen erwies es sich als nothwendig, zunächst zu untersuchen, welchen Wandlungen die geistigen