312 Exner, Grossliirnrinde. Spec. Physiol. 1. Cap. Grosshirnrinde der Thiere. gleich nach ihrem Beginne an Intensität nach, oft schwindet sie trotz weiterer Reizung fast vollständig. Hört man zu reizen auf, so zeigen sich gelegentlich Nachbewegungen, die betreffende Muskelgruppe zit¬ tert noch eine Weile fort, ja es kommt vor, dass sich diese Bewe¬ gungen auf andere Muskelgruppen fortsetzen und dass sie zu Kräm¬ pfen, epileptischen Anfällen führen.1 Es ist schon erwähnt worden, dass eigenthiimliche Motilitätsstö¬ rungen eintreten, wenn man einem Thiere ein Stück Hirnrinde exstir- pirt, welches ein motorisches Feld enthält. Entfernt man z. B. das Rindenfeld für die vordere Extremität, so zeigt das Thier, nachdem es sich von der Operation erholt hat, Erscheinungen, welche in hohem Grade mit jenen Bewegungsstörungen übereinstimmen, die wir bei Gelegenheit der GoLTz’schen Hirn-Zerstörungsversuche (S. 204) ken¬ nen gelernt haben. Die Thiere setzen beim Laufen das Bein der der operirten Seite entgegengesetzten Körperhälfte ungeschickt auf, sie stossen mit demselben an einem wenige Centimeter über dem Boden gespannten Seile an, beim Stehen und Sitzen rutscht dasselbe leicht nach aussen, es wird mit dem Dorsum statt mit der Volarseite aufgesetzt u. s. w. Es ist also der Schluss gerechtfertigt, dass jene Störungen in den GoLTz’schen Versuchen ihren Grund in der Ver¬ nichtung eben jenes kaum mehr als linsengrossen Rindenfeldes haben. Eine Reihe von Versuchen2 ergab, dass jene Motilitätsstörungen nicht eintraten, wenn die Verwundung und die derselben folgenden destruirenden Consecutiverkrankungen, auf die vor den angegebenen Rindenfeldern gelegenen Gehirnwindungen beschränkt blieben. Hin¬ gegen zeigt sich hier, sowie bei grösseren Verletzungen im Hinterhirn auch ein auf Motilität bezügliches Symptom, das (Hitzig als Defect der Willensenergie bezeichnet, und] darin besteht, dass das Thier einer passiven Bewegung des der operirten Seite entgegengesetzten Beines zwar keinen merklichen Widerstand entgegensetzt, dass es dasselbe aber, sobald es wieder freigelassen wird, maschinenmässig in die natürliche Stellung zurückbringt. Griff aber die Verletzung oder die durch dieselbe gesetzten Insulten in das Bereich jener Rindenfelder, so traten die viel auffallenderen, oben geschilderten Motilitätsstörungen auf, die Beine wurden ungeschickt aufgesetzt, die Thiere traten mit der betreffenden Vorderpfote über den Tischrand ; hält man sie an zwei Hautfalten des Rückens frei in der Luft, so 1 Diese epileptiformen Krämpfe sind später von Albertoni genauer studirt worden. (Influenza del cervello nella produzione dell’ epilepsia. Rendiconto del gabin. di fisiol. d. Siena. II. 1876.) Vergl. auch Luciani e Tambürini, Ric. sperim. sulle funzioni del cervello. Riv. sperim. di Freniatria n di Medic, p. 69 u. 225. by 1878. 2 Hitzig, Arch. f. Anat. u Physiol. 1874.