198 BIBLIOGRAPHIE. Der zweite von Stopnitzki beschriebene Fall stellt ein in der einschlägi¬ gen Literatur äusserst seltenes, wenn nicht einziges Beispiel von Polydacty- lie vor. Bei einem 12-jährigen armen Judenmädchen hatte der linke Fuss, der in der Gegend des Metatarsi breiter aussah als der rechte, 11 Zehen. Dieselben waren folgendermaassen angeordnet: an dem Aussenrande des Fussen befanden sich, in einer Ebene an einander gereiht, 4 dem Aussehen nach nor¬ mal entwickelte Zehen, dann, anstatt der normalen grossen Zehe, eine 5-te etwas verkürzte und dünnere Zehe als die vorhergehenden. An dem Innenrande folgten in derselben Linie die 6-te und 7-te, von aussen nach innen gezählt. Diese Zehen sind durch ein häutiges Syndactylium mit einander verwachsen, aber vollkommen entwickelt. Endlich, noch weiter nach innen, befinden sich die 4 letzten Zehen, die mit den vorher beschriebenen nach aussen gerichtete stumpfe Winkel bilden. Drei von diesen Zehen sind gut entwickelt und liegen einander parallel; die vierte ist verkürzt, in ihrer Entwicklung gleichsam ge¬ hemmt, liegt nicht parallel, sondern bildet mit den benachbarten Zehen einen nach vorn gerichteten spitzen Winkel. Beim Gehen wird der Boden nur von der Ferse und circa 2/3 des äusseren Randes der Sohle berührt; der innere Rand dagegen mit den 4 inneren Zehen berührt den Boden garnicht und bildet mit demselben einen spitzen Winkel. Alle Zehen, mit Ausnahme der letzten inneren, sind vollkommen beweglich, was für das Vorbau densein gut entwickelter Beuger und Strecker zeugt. Infolge der anormalen Stellung dieses Fusses (das Kind geht auf dem äusseren Rande desselben) gehen die unteren Enden tibiae und fibulae bis zu einem gewissen Grade auseinander. Mittels Röntgenstrahlen erhaltene Abbildungen sind der Abhandlung beigelegt. In dem ganzen übrigen Organismus des Kindes sind keine Abweichungen von der Norm zu bemerken. Auch auf Vererbung fehlt es an Angaben. Unter den Theorien, welche den Polydactylismus zu erklären suchen, tritt der Autor Ahlfeldt’s mechanischer Theorie mit dem von Zander beigefügten Correctum bei, wobei in dem letztbeschriebenen Falle, Stopnitzki’s Ansicht nach, die Amnionfäden in zwei verschiedenen Momenten einwirkten: das erste Mal fand der Druck derselben in einem sehr frühen Entwicklungsstadium statt, wobei aus einem undifferencirten Embryonalgebilde zwei entstanden, von denen das eine sich zu einem Fusse mit 5, das andre zu einem solchen mit 4 Zehen gestaltete. Als die Zehen sich schon entwickelt hatten, übten auf die 5-te, von aussen nach innen gerechnet, und auf die am weitesten nach innen gele¬ gene zwei andere Amnionfäden einen Druck aus, so dass eine jede sich in 2 Teile spaltete. Dieser selten vorkommende Polydactylismus kann jedoch auch einfacher erklärt werden: es konnte nämlich eine ganze Reihe Amnionfäden auf den fœtalen Fuss einen Druck gleichzeitig ausüben und auf diese Art die Bildung der 11 Zehen hervorrufen. Karpoff, Wl. Dr. Kurze Darstellung der Lehre von der Zelle und den Geweben des tierischen Organismus. (Kurzer Leitfaden der allgemei¬ nen Histologie) mit einem Vorwort von Prof. N. Kulagin und 36 Textabbildungen. Moskau. 1902. Herausgeg. von dem Landwirt¬ schaftlichen Institut. Ss. 1—105.