402 Litter aturbericht. Den Schlufs bildet eine genaue Zusammenstellung der einschlägigen Litteratur, aus der man ersieht, dafs Verfasser neben seiner vieljährigen praktischen Erfahrung auch umfangreiche theoretische Studien seiner Abhandlung zu G-runde gelegt hat. Gründlichkeit und konsequentes Nachdenken kennzeichnen in der That die vorliegenden Ausführungen. Trotzdem kann ich ihnen nach langer und eingehender Beschäftigung mit diesem Thema vom psycho¬ logisch-erkenntnistheoretischen Standpunkte aus nicht zustimmen. Den G-rundirrtum erblicke ich in der Definition des Zählens durch ein Ver¬ gleichen zweier Reihen. Zu diesem Satze gelangte Verfasser offenbar durch seine pädagogische Thätigkeit und durch die Art, wie wir kunst- gemäfs das Zählen lernen. Will man jedoch die letzten psychologischen Grundlagen des Zählaktes auf decken, so wird man sich fragen müssen, wie gelangen wir zu dem Mafsstabe, zu der Zählreihe selbst. Man wird dann erkennen, dafs diese bereits ein Zählen voraussetzt. Nicht von der Zählreihe, sondern von der „Vielheit“, von dem Wahrnehmen des Dis¬ kreten, mufs die Untersuchung anheben und — darin pflichte ich Ver¬ fasser bei — die beziehende Thätigkeit der Seele vor allem berücksich¬ tigen. In gewissem Sinne ergiebt sich dann auch die Zahl als eine Eigenschaft der Dinge, nur nicht der einzelnen, sondern eines Ding- Komplexes. Die Thatsache, dafs man äufsere wie innere Objekte zählen kann, ist durchaus kein haltbarer Einwurf. Dagegen ergiebt sich dann von selbst, dafs es keine reinen, sondern nur benannte Zahlen giebt — eine durchaus richtige Bemerkung des Verfassers. Auch der Zweck des Zählens wird dann ersichtlicher. Es wird nicht blofs ein Unver¬ ständliches auf ein anderes, geläufigeres zurückgeführt, sondern ein Kompliziertes auf ein Einfaches, die Vielheit auf eine Einheit. Endlich sei noch bemerkt, dafs eine grofse Zahl wichtiger Fragen Verfasser übergangen hat. Zunächst die Entwickelungsstufen des Zählens; denn die Unterscheidung zwischen Zahl als Summe und als Multiplikator ist eine äufserliche und keine psychogenetisch verwertbare. Sodann, warum ist die Reihenfolge der gezählten Objekte gleichgültig? Warum und inwiefern ist die Zahleinheit willkürlich ? Indes, noch mehr auf Einzel¬ heiten einzugehen, führte zu weit, und es sei daher nur noch darauf hingewiesen, dafs die Schriften von Paul du Bois-Reymond, Dedekind, Stolz, Husserl (Philosophie der Arithmethik), Grassmann dem Verfasser dankenswerte Anregungen gegeben hätten. Arthur Wreschner (Berlin). William W. Carlile. The Conscience, its Nature and Origin. Intern. Journ. of Ethics. VI. No. 1. S. 63—76. 1895. In der Chemie ist die Wirkung der Ursache nicht gleich; wir schliefsen aber auf den Kausalzusammenhang, weil die Erscheinungen an denselben Stoffen in demselben Gefäfs vor sich gehen. Im Seelen¬ leben giebt es kein solches Gefäfs ; wo wir zwischen zwei Erscheinungen auf Kausalzusammenhang schliefsen, mufs es sich so verhalten, wie in der