Litteraturbericht. 155 3. Die Anzahl der vergessenen Worte nimmt in den ersten Minuten nach Beendigung des Yorlesens aufserordentlich rasch zu. 4. Die Worte, welche am Anfang und Ende der Reihen stehen, werden am besten behalten. 5. Worte, deren Sinn schwieriger zu verstehen ist, werden leichter behalten, weil sie die Aufmerksamkeit mehr anregen. 6. Es kommt viel häufiger vor, dafs ein Wort ganz ausfällt als dafs es durch ein anderes, welches ähnlich klingt oder eine ähnliche Be¬ deutung hat, ersetzt wird. Bei den Versuchen, über welche die zweite Abhandlung berichtet, wurden den Kindern sinnvolle Sätze von variabler Länge vorgelesen. Es ergaben sich folgende (vorauszusehende) Resultate: 1. Die Zahl der behaltenen Worte nimmt mit der Länge der Sätze zu. 2. Die Fehler betreffen hauptsächlich nur Worte, welche für den Sinn der Erzählung nebensächlich sind. 3. Bei kurzen Erzählungen kommt die Ersetzung eines Wortes durch ein anderes von derselben Bedeutung häufiger vor als das gänz¬ liche Auslassen eines Wortes. Bei längeren Erzählungen ist es um¬ gekehrt. 4. Das Kind hat die Tendenz, Sätze von komplizierterem Aufbau durch einfachere Konstruktionen, welche mit seiner gewöhnlichen Aus¬ drucksweise mehr übereinstimmen, zu ersetzen. Am Schlufs der ersten Abhandlung werden noch Aussagen mit¬ geteilt, welche einige erwachsene Personen über die Art und Weise, wie die gehörten Worte beim Besinnen in das Bewufstsein zurückkehren, gemacht haben. Schumann (Berlin). Gf. Ferrero. Arrested Mentation. The Monist. Vol. 6. S. 60—75. Das Denken des naiven Menschen arbeitet oft nach ganz anderen Gesetzen, als die wissenschaftliche Logik sie beschreibt. Ein solches Phänomen des volkstümlichen Denkens ist es, das F. beschreiben will. „Arrested Mentation“ (vielleicht am besten als „unvollständige Ge¬ dankenentwickelung“ zu übersetzen) bedeutet, „dafs in der Analyse einer Phänomenenreihe, mit der ein anderes Phänomen durch Kausalität verknüpft ist, das menschliche Denken Halt macht („is arrested“) bei den Phänomenen, welche Empfindungen erwecken können und direkt den Sinnen zugänglich sind, dagegen diejenigen vernachlässigt, welche nur durch Reflexion und Vergleichung entdeckt werden können.“ So schreibt der Wilde dem Papier und den krausen Zeichen darauf die geheimnisvolle Macht der Mitteilung und des Befehlens zu. Auf diese Erscheinung führt F. zahlreiche Irrtümer und Fehlschlüsse des naiven Denkens zurück. Schliefslich sieht F. in dem deduktiven, aprioristischen Forschungsverfahren im Gegensätze zu dem induktiven beobachtenden Verfahren eine Art von „arrested mentation“, indem es wesentlich nur auf Bequemlichkeit und Lässigkeit des Denkens beruhe, das gar zu gern das Prinzip des kleinsten Kraftmafses befolge. W. Stern (Berlin).