154 Litter aturbericht. sind (S. 438) 1. eine relativ beständige Gruppe innerer Zustände (Gemein¬ empfindungen, Gefühle); 2. das Gefühl der freien Überwachung (Be¬ herrschung) des allgemeinen Verlaufs der inneren Zustände; 3. die Er¬ wartung eines zukünftigen, die Erinnerung an ein vergangenes Selbst, welches als mehr oder minder genau dem gegenwärtigen Selbst gleichend vorausgesetzt wird; 4. eine Summe äufserer Beziehungen von Macht, Hecht, Ehre, Stellung, Pflicht etc. zu den Nebenmenschen, den sozialen Gruppen und eventuell zu Gott. Die sozialen Beziehungen sind insofern der entscheidende Faktor, als ihr Vorhandensein oder Fehlen dafür entscheidend ist, ob eine Gruppe von Gemeinempfindungen auf das Selbstbewufstsein bezogen wird oder nicht. So ist z. B. bei Kolik eine heftige Störung der Gemeinempfindungen vorhanden, ohne auf das Selbstbewufstsein einzuwirken; denn Leib¬ schmerzen vermögen nicht die Vorstellung einer sozialen Lage hervor¬ zurufen. Dagegen bewirkt die allgemeine Depression nach einer Grippe die Vorstellung von sozialem Mifsgeschick, Verwirrung und Macht¬ losigkeit, und damit eine Änderung des Selbstbewufstseins. So gut wie alle anderen Faktoren des Selbstbewufstseins kann nun auch der soziale Faktor erkranken. Ein Beispiel einer solchen Er¬ krankung wird im zweiten Teil der Arbeit gegeben. Der Grundgedanke der Arbeit ist sicherlich sehr anregend, nur der Titel ist ein wenig irreführend. Es handelt sich bei allen diesen Er¬ örterungen weit mehr um die richtige oder falche Vorstellung von der eigenen Persönlichkeit, als um das, was man gewöhnlich Selbstbewufst¬ sein nennt. Das eigentliche Selbstbewufstsein, d. h. die Gegenüber¬ stellung eines „Ich“ und eines „Nicht-Icha, wobei das „Nicht-Ich“ ebenso¬ gut als „Sache“ wie als „fremde Persönlichkeit“ charakterisiert sein kann, wird dabei überall schon vorausgesetzt. Es wird gezeigt, wie für die nähere Ausgestaltung und Bewertung dieses „Ich“ die sozialen Motive entscheidend werden. Diese Bemerkung soll die Arbeit durchaus nicht tadeln, sondern ihr nur ihren wissenschaftlichen Ort anweisen. J. Cohn (Berlin). A. Binet et V. Henri. La mémoire des mots. Vannée psychol. Bd. I. S. 1—23. 1895. — La mémoire des phrases. L’année psychol. Bd. I. S. 24—59. 1895. Es wird berichtet über Versuche, welche mit Schulkindern an¬ gestellt sind. Bei einer ersten Gruppe von Versuchen wurde den Kindern eine Eeihe von Worten, welche keinen inneren Zusammenhang hatten, vorgelesen und ihnen die Aufgabe gestellt, unmittelbar nach dem Aus¬ sprechen des letzten Wortes alles niederzuschreiben, was sie behalten hatten. Er ergab sich: 1. Der Umfang des (primären) Gedächtnisses wächst ein wenig mit zunehmendem Alter. 2. Mit der Anzahl der vorgesprochenen Worte wächst auch die Anzahl der behaltenen Worte.