171 Fragmente über das Sehen im Traum. Von Dr. Jakob Streiff (Genua). Nachdem das Verständnis des Aufbaus unserer Wahr¬ nehmungswelt durch das Studium der subjektiven optischen Anschauungsbilder — visualising faculty (Francis Galton), eideti- scher Sehtypus (E. R. Jaensch) — bedeutend vertieft worden ist, scheinen mir auch die Traumbilder, bzw. die Bedingungen des Sehens im Traum, eine frische Betrachtung zu verdienen. Obwohl dies Gebiet vielleicht mehr dem Psychologen zusteht, möge es doch dem Ophthalmologen gestattet sein, mit dem folgen¬ den Versuch einer speziell die optische Seite berücksichtigenden Einstellung gegenüber den Traumproblemen wenigstens eine An¬ regung zu geben. So mächtig die Traumliteratur in den letzten Jahren ange¬ wachsen ist, so galt dieselbe doch fast stets vorwiegend der psychanalytisehen Traumdeutung und ist eine engere Frage¬ stellung in unserem Sinne meines Wissens kaum Gegenstand besonderer Bearbeitung geworden. Seit etwa einem Jahr von diesem Thema angezogen, begann ich zum erstenmal meine Träume genauer zu beobachten und sofort beim Erwachen, sei es mitten in der Nacht oder am Morgen aufzuschreiben. Nach einiger Übung erlangt man darin eine immere gröfsere Fertigkeit, erinnert sich an längere Bilder¬ reihen und mehr Einzelheiten und versteht dann erst, die An¬ gaben anderer Selbstbeobachter zu bewerten. Die Fähigkeit zu träumen oder vielmehr sich seiner Träume zu erinnern ist übrigens subjektiv sehr verschieden und nimmt zudem mit dem Alter ab. So bin ich auch nach erlangter Übung ein verhältnismäfsig wenig geeigneter Vertreter der introspektiven Methode und möchte deshalb vor allem jüngere lebhafte Träumer zur Nachprüfung der hier gestellten Fragen einladen.