124 Martin Grildemeister. 1892). In diesem Buch findet sich aufser vielen, für einen For¬ scher auf diesem Gebiet jetzt ganz unentbehrlichen Angaben technischer Art, eine Fülle neuer und origineller Versuche übei Reizung und Ausschaltung des Labyrinths, vorwiegend an Vögeln, jedoch auch an Amphibien und Säugern. Das Buch gipfelt in zwei Thesen, die Anlafs zu vielen Debatten gegeben haben: 1. Eine Taube hört noch nach gänzlicher Fortnahme beider Endapparate des Oktavus. Der Oktavusstamm kann also unmittelbar durch Schall gereizt werden. 2. Dei Endapparat des Oktavus übt einen beständigen Einflufs auf die gesamte quergestreifte Muskulatur aus, er reguliert den Muskeltonus. Ewald sprach deshalb vom „Tonuslabyrinth“. Der erste Satz erregte starken Widerspruch. Mehrere Nach¬ untersucher stimmten bei (z. B. Wundt), andere wieder konnten der Deutung der Versuche nicht beipflichten (Hermann, Bernstein). Überblicken wir das Hin und Her der Debatte, so müssen wir zugestehen, dafs die Angelegenheit nicht geklärt ist. Sollte, wie Ewalds Gegner meinten, die labyrinthlose Taube durch ihre Hautsinne auf die Luftbewegung des Schalles reagieren und nicht durch den Hörnerven, so wäre es doch Ewalds Verdienst, als Erster eine Art von vikariierendem Eintreten eines Sinnes¬ organs für das andere gefunden zu haben. Was den Labyrinthtonus anbetriift (bei dein wir noch ver¬ weilen wollen, weil Ewald mit Goltz auch den nichtakustischen Teil des Ohres als Sinnesorgan auffafste), so war Ewald dauernd bemüht, neues Material für seine Theorie zu sammeln. So findet er (Pflügers Arch. 63, S. 521, 1896), dafs die Labyrinthe beim Kaninchen den Verlauf der Totenstarre der quergestreiften Mus¬ keln beeinflussen. Diejenigen Muskeln, welche im Leben nach Fortnahme eines Labyrinths mehr innerviert werden, erstarren auch früher. Die wichtige Frage der Beziehungen zwischen Labyrinth und Gehirn behandelt er in mehreren Arbeiten {Pflügers Arch. 60, S. 492. 1895, Perl Ein. Wochenschr. 1896, Nr. 42, Wien. Ein. Wochenschr. 1896, Nr. 9, Verh. des Kongr. für innere Med. 1897, S. 245). Nimmt man einem Tier ein oder beide Laby¬ rinthe fort, so bessern sich im allgemeinen mit der Zeit die an¬ fangs starken Störungen, indem „Ersatzerscheinungen“ auftreten. Diese Ersatzerscheinungen sind vermindert, wenn man das Grofs- hirn vorher entfernt, und zwar desto mehr, je höher das Tier steht.