153 Über die Physiologie des Zeitsinnes.1 Von Feiedeich W. Feöhlich, Bonn a. Rh. „Vermittels des äufseren Sinnes (einer Eigenschaft unseres Gemütes) stellen wir uns Gegenstände als aufser uns und diese insgesamt im Raume vor. Darin ist ihre Gestalt, Gröfse und Verhältnis gegeneinander bestimmt oder bestimmbar. Der innere Sinn, vermittels dessen das Gemüt sich selbst oder seinen inneren Zustand anschaut, gibt zwar keine Anschauung von der Seele selbst als einem Objekt; allein es ist doch eine bestimmte Form, unter der die Anschauung ihres inneren Zustandes allein möglich ist, so dafs alles, was zu den inneren Bestimmungen gehört, im Verhältnis der Zeit vorgestellt wird.“ „Die Zeit ist kein empirischer Begriff, der irgend von einer Erfahrung abgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder Auf¬ einanderfolgen würde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellung der Zeit nicht a priori zum Grunde läge.“ „Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Er¬ scheinungen überhaupt. Der Raum als die veine Form aller äufseren Anschauung ist als Bedingung a priori blofs auf äufsere Erscheinungen eingeschränkt. Dagegen, weil alle Vorstellungen, sie mögen nun alle äufseren Dinge zum Gegenstand haben oder nicht, doch an sich selbst als Bestimmung des Gemüts zum inneren Zustand gehören, dieser innere Zustand aber unter die formale Bedingung der inneren Anschauung, mithin die Zeit gehört, so ist die Zeit die Bedingung a priori von aller Erscheinung über- - • 1 Die vorliegende Mitteilung ist einer Reihe von Vorträgen entnommen, welche ich im Frühjahr 1917 im Kriegsgefangenenlager Krasnaja rjetschka bei Chabarows (Ost-Sibirien) über die Beziehung zwischen Reflex-, Instinkt- und Bewufstseinsvorgängen gehalten habe. Zeitschr. f. Sinnesphysiol. 51. 11