434 Zur Lehre von den Urtheilstäuschungen. Von O. Rosenbach in Berlin. I. Die Beschreibung neuer Formen von Urtheilstäuschungen oder wichtigerer Varianten schon bekannter erscheint wünschens- werth, nicht, weil es noch neuer Beweise für die interessante Thatsache, dafs aus richtigen (normalen) Sinneswahrnehmungen falsche Schlüsse gezogen werden, bedarf, sondern wegen der Beleuchtung, die der psychologische Procefs der Objec- tivirung und Association von Sinneswahrnehmungen resp. die Lehre von den inductiv gewonnenen Schlüssen durch jeden neuen Fall zwangsmäfsiger Entstehung eines falschen Ur- theils erfährt. Abgesehen aber von den für die Theorie nicht unwichtigen Ergebnissen scheint mir die methodisch-ver¬ gleichende Analyse der verschiedenen Formen von Urtheils- und Sinnestäuschungen — denn es giebt auch solche — noch von Werth für die praktische (Individual-)Psychologie, näm¬ lich als Grundlage für die Bemessung der individuellen Fähigkeit und Methodik der Begriffsbildung, Schlufsfolgerung oder Verallgemeinerung von Wahr- nehmungen. Meines Erachtens ist es möglich, aus der Art und Form resp. Schnelligkeit der (einen solchen falschen Schlufs invol- virenden) Urtheilsabgabe einen Einblick in die individuelle Form des Schliefsens und somit auch einen Maafsstab für die Vergleichung zu erhalten, oder mit anderen W orten : Man kann unter geeigneter Modification der Problem- resp. Frage¬ stellung (s. u.) unschwer Anhaltspunkte gewinnen für die Be¬ messung der individuellen Fähigkeit oder Neigung, schon aus einigen gegebenen Gliedern (Anfangs- oder Endgliedern)