372 Literaturberich t. St. Bernheimer. Die corticalen Sehcentren, anatomische und experimentelle Untersuchungen. Wiener Min. Wochenschr. Nr. 42. 1900. 26 S. Bevor Verf. die Ergebnisse eigener Untersuchungen wiedergiebt, ent¬ wirft er einen historischen Ueberblick, der die bekannten Gegensätze der Anschauungen gut wiederspiegelt. Die Erklärung für diese Widersprüche in den Arbeiten geübter und gut beobachtender Forscher liegt nach der Ansicht des Verf. darin, dafs die wenigsten Beobachter gleichzeitig ex¬ perimentell-physiologisch und experimentell-anatomisch vorgingen, zumal wenn man an den von Monakow zuerst erbrachten Nachweis denkt, dafs Verletzung der Sehsphäre weitergehende Störungen ergiebt, da „eine Seh¬ sphärenabtragung nicht nur eine Abtrennung des Grofshirns von der Retina bedeutet, sondern auch eine Unterbrechung der Verbindung mancher übrigen Rindentheile untereinander und eine Lahmlegung anderen Rinden¬ abschnitten entstammender und zur Sehsphäre ziehender und aus der Seh¬ sphäre stammender und zu den übrigen Hirntheilen ziehender Associations¬ fasern“. Die nun folgenden Beobachtungen des Verf., die theils auf anatomi¬ schem Wege durch Untersuchung von Gehirnen auf verschiedenen Ent¬ wickelungsstufen, theils experimentell gewonnen worden sind, sind wohl geeignet, den Widerspruch der Meinungen begreiflich zu machen. Sie zeigen uns die fächerförmige Ausstrahlung der Sehfasern aus den primären Opticusganglien zu der Rinde des Hinterhauptlappens (nähere Details müssen im Original nachgelesen werden) und den Verlauf der langen und kurzen Associationsbahnen. Letztere strahlen in den Gyrus angularis. Eine Verletzung desselben allein könnte also niemals die schweren Seh¬ störungen im Gefolge haben, wie Ferrier und Andere beobachtet haben wollen. Die langen Bahnen streben entfernteren Hirngegenden zu. Die Erscheinungen der „Seelenblindheit“ sind demnach auf die mehr oder minder herbeigeführte Ausschaltung dieser Bahnen zurückzuführen und nicht auf die Verletzung einer circumscripten Gegend (wie die Ansicht Münk’s lautet). Das anatomische Substrat lehrt auch, dafs keine scharfe Abgrenzung des Sehcentrums bestehen kann. Von ganz besonderem Interesse sind die Untersuchungen bezüglich des Maculacentrums. Verf. kommt zu einer ähnlichen Anschauung wie sie bereits von Monakow ausgesprochen wurde, nämlich der, dafs eine insel¬ förmige Vertretung der Macula auf der Hirnrinde nicht besteht. Die ana-