204 Der ästhetische Werth der niederen Sinne. Von Johannes Volkelt. 1. V enn man die verschiedenen Gruppen der Sinnesemphn- dungen auf die Bedeutung hin prüfen will, die sie für das ästhe¬ tische Verhalten haben, so mufs man zunächst, wenn nicht Ver¬ wirrung entstehen soll, eine gewisse Unterscheidung machen. Es kommen in dem ästhetischen Betrachten und Geniefsen mannig¬ faltige Empfindungen vor, die doch nicht zu dem ästhetischen Gegenstand gerechnet werden können. Angesichts dahin¬ eilender Wolken, auffliegender Lerchen, eines sich dahinwälzenden Stromes kann unser Miterleben einen so hohen Grad erreichen,, dafs es in uns zu gewissen Streckungsempfindungen, wenn auch nur spur- und ansatzweise, kommt. Besonders bei heftigen und überraschenden Bewegungen entsteht im ästhetischen Betrachter leicht ein von wirklichen Empfindungen begleitetes Miterleben. Wenn wir im Circus den jagenden Pferden, den springenden Künstlern mit betrachtendem Auge folgen oder Zuschauer eines FeueiWerkes sind, so spüren wir oft in uns so etwas wie Buck, Diängen nach vorwärts oder seitwärts, Hemmung, Biegung, Schweben und dgl. Zuweilen setzen sich diese Empfindungen geradezu in Bewegungen etwa der Arme, des Kopfes, des Rumpfes um. So wichtig nun auch diese Empfindungen für das ästhetische Geniefsen sein mögen : keinesfalls gehören sie zu der sinnlichen Erscheinung des ästhetischen Gegenstandes. Es wäre unsinnig, zu Wolke, Strom, Pferd, Feuerwerk unsere fetieckungs-, Spannungs-, Bew^egungsempfindungen mit zu rechnen. So zeifallen denn die ästhetisch in Frage kommenden Em¬ pfindungen in gegenständliche und in zuständliche. Als zuständliche bezeichne ich die zum ästhetischen Miterleben ge¬ hörenden, als gegenständlich die den ästhetischen Gegenstand