Grundzüge einer Farbentheorie. 189 aber wesentlich in dem Punkte, dafs es weder Roth-, noch Grün-, noch Violettempfindende Nervenelemente giebt, sondern nur lichtempfindliche. Ferner müssen nach unserer Theorie bei jeder Farbenempfindung mindestens zwei Erregungen gleichzeitig vorhanden sein. Dies scheint den bisher ge¬ wonnenen Resultaten zu widersprechen; sieht man sich nämlich die Elementarempfindungscurven z. B. die Kömo’schen an, so verschwinden in gewissen Partien des Spectrums zwei Er¬ regungen und nur eine bleibt wirksam; man darf aber nicht vergessen, dafs diese Curven erstens keine wahren E mp fin dungs - curven sind, weil die Ordinaten Lichtintensitäten z. B. Spalt¬ breiten und nicht Empfindungsgröfsen vorstellen, ferner dafs die Curven unter der Voraussetzung gewonnen wurden, dafs die Endstrecken reine Elementarerregungen sind. Gerade dieser letztere Umstand widerspricht direct unserer Annahme. König schliefst aus der Thatsache, dafs an den Endstrecken nur mehr Helligkeitsunterschiede und keine Tonänderungen mehr wahr¬ genommen werden können, dafs hier nur mehr eine einzige Er¬ regung vorhanden ist; nach den YouNG’schen Vorstellungen ist dieser Schlufs nicht unberechtigt, doch macht König selbst darauf aufmerksam dafs seine Annahme keineswegs nothwendig ist, sondern dafs „innerhalb einer oder beider Endstrecken zwei Elementarempfindungen in constantem Verhältnisse erregt werden“. Ja Helmholtz gelangt durch theoretische Betrachtungen auf Grund der KÖNiG’schen Resultate zu der Schlufsfolgerung 2, „dafs alle einfachen Farben die sämmtlichen lichtempfindlichen Nervenelemente des trichromatischen Auges gleichzeitig und mit nur mäfsigen Intensitätsunterschieden erregen“. Diese Gleichzeitigkeit der Erregung, die ich als ein Postulat meiner Theorie betrachte, wird auch der allerdings nicht immer zuverlässigen inneren Beobachtung gerecht. Man versteht dann, dafs die Farbe von specifischen Wirkungen begleitet ist, „die sich unmittelbar an das Sittliche anschliefsen“, wie sich Goethe ausdrückt. Gewisse Farben stimmen regsam, lebhaft, strebend, andere ruhig. Voll und ganz rein wirkt nur die Weifserregung, wo nach unserer Theorie keine Differenz der Elementar¬ empfindungen empfunden wird, wo eben die drei Empfindungs- 1 König u. Dieteeici. Diese Zeitschrift 4, S. 260. 1892. 2 Helmholtz. Physiol. Optik, II. Aufl., S. 457. 1896.