184 Egon von Oppolzer. seheinungen überblicke, genügt es für unser normales Farben¬ system blos drei Elementarempfindungen anzunebmen und alle Farbenempfindungen auf die verschiedenen Stärkenverhältnisse, mit welchen sie gegenseitig ins Bewufstsein treten, zurückzu¬ führen. Die Farbe verdankt ihre Entstehung nach dieser Auf¬ fassung einer inneren Gegensätzlichkeit, die je stärker entwickelt eine stärkere Sättigung und aufgehoben die Weifsempfindung nach sich zieht. Im ersten Momente dürfte es sonderbar erscheinen, eine farbige Empfindung aus blos farblosen enstehen zu lassen. Sobald man aber die rein psychischen Vorgänge von den phy¬ sikalischen zu trennen versteht, schwindet das Sonderbare. Unter AVeifsempfindung verstehen wir nicht die Empfindung eines weifsen Objectes, sondern eines inneren Vorganges. Durch häufige Auseinandersetzungen mit Farbenblinden können wir ihre Farbenempfindungen nur deshalb bestimmen, weil die Farbenempfindungen von gewissen Gefühlen, ästhetischen Wirkungen, begleitet sind; aus der Uebereinstimmung dieser Wirkungen schliefsen wir auf das Vorhandensein desselben Empfindungsinhaltes. Wären diese Begleitgefühle nicht vor¬ handen , so hätte es überhaupt gar keinen Sinn „mit einem Farbenblinden von der Farbe zu sprechen“. Auf diese Weise erhalten wir die Gewifsheit, dafs ein total Farbenblinder nur farblose Helligkeiten, nur Weifsempfindungen besitzt. Seine Ge¬ sichtsempfindungen lassen sich als eine eindimensionale Mannig¬ faltigkeit auffassen; sie unterscheiden sich alle trotz des Reizes verschiedener physikalischer Qualitäten (Wellenlängen) nur durch ihren Stärkegrad oder ihre Helligkeit. An und für sich könnte z. B. die Rothempfindung bei dem Totalfarbenblinden das ein- dimensionalabgestufte Empfindungsgebiet sein. Aber durch die Art, wie er seine Empfindungen beschreibt, was nur durch An¬ gabe von ästhetischen Wirkungen möglich ist, erhalten wir die Gewifsheit, dafs er alles so sieht, wie wir, wenn wir Kreide, Schnee, Tageslicht ansehen. In diesem Sinne meinen wir, dafs eine einzelne Optikusfaser nur farblose Empfindungen vermitteln kann, d. h. also, dafs jedweder Wellenlängenbezirk, der von uns als farbig bezeichnet wird, oder jedweder beliebig erleuchteter farbiger Gegenstand farblos empfunden wird. Das stets gleich¬ zeitige Mit - Auftreten einer zweiten andersartigen Elementar¬ empfindung mufs nun ein zweidimensionales Empfindungsgebiet