183 Grundzüge einer Farbentheorie. Von Prof. Dr. Egon Ritter von Oppolzer, Innsbruck. I. Abschnitt. Allgemeine Grundlagen. §1. Einleitung. Nennen wir eine Elementarempfindung eine Empfindung, die auf eine Erregung einer einzelnen Opticusfaser hin im Be- wufstsein rege wird, so nimmt die hier nun zu erörternde Farbentheorie an, dafs die Empfindung einer Farbe nur dann eintritt, wenn wenigstens zwei Elementarempfindungen ver¬ schmolzen in das Bewufstsein treten, und dafs sofort jede Farbenempfindung aufhört, wenn bei der Reizung blofs eine Elementarempfindung psychisch wirkt. Im letzteren Falle tritt die farblose Grau-Weifsempfindung, die in der Folge immer als die Weifsempfindung kurzweg bezeichnet werden soll, auf. Die Empfindung der Farbe entsteht durch Zusammenwirken wenigstens zweier farbloser Empfindungen, aber in Folge der Ver¬ schmelzung dieser gelangt die zusammengesetzte Natur der Farbenempfindung nicht direct zur Beobachtung. Zwei oder mehrere Elementarempfindungen müssen nämlich immer voll¬ ständig verschmelzen, wenn ein bestimmter Reiz stets gleich¬ zeitig diese isolirten Erregungen hervorruft ; denn es ist dann eine psychische Trennung ausgeschlossen. Kann ein Reiz aber auch blos eine einzige von diesen erregen und die anderen un¬ erregt lassen, so wird dann beim Zusammenwirken der Elementar¬ empfindungen die Verschmelzung nicht mehr so vollkommen eintreten. Aus diesem Grunde wird man annehmen müssen, dafs im Gebiete der Gesichtsempfindungen, das scheinbar so ein¬ heitliche Empfindungen aufweist, die Elementarempfindungen nur äufserst selten isolirt Vorkommen. Soweit ich die Er-