129 Zur Müllerschen Lehre von den spezifischen Sinnesenergien. Von Dr. med. Eugen Minkowski. „Was und wie viel dann zu rügen seyn werde, ich habe mir genug ge- than, wenn ich so viel leistete, dafs man über diese Versuche zu dem Besseren fortschreitet.“ Johannes Müller. „Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinnes.“ Seitdem die Lehre von den spezifischen Sinnesenergien ent¬ standen ist, ist sie, namentlich ihr philosophischer Inhalt im Anschlufs an verwandte philosophische Lehren einer eingehenden Kritik unterzogen worden. Aber auch gegen ihre Anwendbar¬ keit in der Sinnesphysiologie sind, besonders von Wundt, schwer¬ wiegende Gründe angeführt worden. Trotzdem finden wir die Lehre von den spezifischen Sinnesenergien (in vielen Fällen wäre es eigentlich richtiger zu sagen — den Ausdruck „spezifische Sinnesenergien“, denn von der ursprünglichen MüuLEKschen Lehre ist aufser dem Namen und den Tatsachen, die zu ihrer Aufstellung geführt haben, so gut wie gar nichts geblieben) in den meisten physiologischen Lehrbüchern, und, wie ich das an mir selbst erfahren habe, ist man als Anfänger häufig geneigt allerlei durch die spezifischen Sinnesenergien für erklärt zu halten, was eigentlich einer physiologischen Erklärung erst harrt ; dabei ist man aber meistens über den Inhalt und die Konse¬ quenzen dieser Lehre nicht im Klaren. Ich bin mir wohl be- wufst, dafs ich in den folgenden Seiten wenig Neues bringe; ich war bei dieser Arbeit vor allem von dem Bedürfnis geleitet, mir