224 Die Schmackhaftigkeit und der Appetit. Von Dr. Wilhelm Sternberg, Spezialarzt in Berlin. Es ist eine bekannte Erfahrungstatsache, die schon jeder Laie am eigenen Leibe macht, alltäglich mehrmals sogar, dafs auf den Appetit nichts einen solchen Einflufs ausübt wie der Geschmack und die Schmackhaftigkeit. Das ist der Grund, warum die Küche eine so hohe Bedeutung für den Appetit hat. Denn die erste Aufgabe der Kochkunst ist es, dem Geschmack Sinnesgenüsse zu bereiten, indem sie aus den Nahrungsstoffen und Nahrungsmitteln, die an sich noch ganz geschmacklos sind, die tischfertigen Speisen zubereitet, deren Wohlgeschmack für die sinnlichen und gleichermafsen für die psychischen Genüsse ein physiologisches Bedürfnis ist. Es erzielt die Küche durch die Herstellung der Schmackhaftigkeit und Appetitlichkeit ihre Erfolge auf den Appetit. Schon daraus geht hervor, dafs für die ärztliche Praxis nichts eine auch nur annähernd so hohe Wichtigkeit besitzt wie die Krankenküche. Denn jede Krankheit bringt vom ersten Anbeginn bis zur Beendigung, ja sogar über dieselbe noch hinaus, eine Beeinträchtigung des Appetits, nach der einen oder anderen Richtung hin, mit sich. Seltsamerweise haben die theoretischen Wissenschaften von diesen höchst ein¬ fachen, aufserordentlich leicht zu wiederholenden und mühelos zu kontrollierenden Beobachtungen am Menschen noch niemals Notiz genommen, sondern bevorzugen es nach wie vor, die ebenso praktisch wichtigen wie theoretisch schwierigen Probleme vom Appetit durch Tierexperimente zu lösen. Dabei dürfte aber doch daran zu erinnern sein, dafs weder die Küche noch die Appetitlichkeit für die Tiere erforderlich sind. Demnach dürfte die gesuchte Gröfse hier möglicherweise gar nicht gefunden