1 Zur Lehre vom binokularen Sehen. Von Dr. Ernst Freund, Karbitz. (Nach einem am 5. März 1908 in der Sektion Aufsig des Zentralvereins deutscher Ärzte in Böhmen gehaltenen Vortrag.) Die physiologische Optik mit ihren zahlreichen ungelösten Problemen war von jeher ein bevorzugtes Gebiet, sowohl experi¬ menteller als auch theoretischer Arbeiten und eine Reihe der bedeutendsten Gelehrten und Denker haben eine grofse Zeit ihres Lebens dem Studium dieser Fragen gewidmet. Ein schier unendliches Material wurde zusammengetragen und die Literatur auf diesem Gebiete ist unübersehbar. Im Ver¬ gleich zu der immensen physiologischen und experimen¬ tellen Literatur ist aber die Heranziehung klinischer patho¬ logischer Kasuistik zur Erklärung der in Betracht kommen¬ den Tatsachen eine relativ geringe. Es möge daher erlaubt sein, gelegentlich einer Selbst¬ beobachtung einige hierher gehörige theoretisch wichtige Fragen zu erörtern. Ich mufs im vorhinein bemerken, dafs die Beschaffung der einschlägigen Literatur mit grofsen Schwierigkeiten verbunden war, so dafs ich mich oft mit Zitaten oder Referaten begnügen mufste, wo ich gern die Originalarbeiten benutzt hätte. Bevor ich auf mein eigentliches Thema eingehe, mufs ich noch einige physiologische Bemerkungen voranschicken. Beim gewöhnlichen binokularen Sehen entsteht in jedem Auge ein Bild. Trotzdem sehen wir, normale Verhält¬ nisse vorausgesetzt, nicht doppelt, sondern einfach. Diese merkwürdige Tatsache setzt einen mit grofser Sicher¬ heit und Konstanz arbeitenden physiologischen Apparat voraus, Zeitschr. f. Sinnesphysiol. 43.