Dispositionspsychologisches über Gefühlscomplcxioncn. 413 dafs er sich freuen würde, wäre er nur in anderer Stimmung.1 Auch unser Musikbeispiel läfst sich von dem eben berührten Gesichtspunkte aus verstehen. Die aus der Tonwirkung stammende Unlust compensirt nicht die Lust an der Melodie. Sie ist nur neben letzterer vorhanden, wovon man sich leicht überzeugen kann, indem man das eine Mal die Aufmerksamkeit ausschliefslich der Tonwirkung, das andere Mal der Melodie zu¬ wendet: Lust und Unlust treten so deutlich gesondert zu Tage. Ist übrigens die Unlust an der Tonwirkung sehr intensitiv, so darf man sich nicht wundern, wenn sich auch jene Erschei¬ nungen, die wir als auf Dispositionsveränderungen beruhend er¬ kannten, einstellen, und die Lust an der Melodie sich auf diese Weise sozusagen wirklich beeinträchtigt zeigt Unschwer ist zu erkennen, dafs auch in anderen Fällen vermeintlicher Compen¬ sation die Coexistenz der Gefühle und die Herabsetzung der Gefühlsdispositionen durch Gefühle als Erklärungsprincipien gute Dienste leisten. Was endlich die Verstärkung der Gefühle durch Gefühle anbelangt, so lassen sich jene Fälle, in denen man eine solche Verstärkung annehmen zu müssen glaubt, ebenfalls in Fälle der Gefühlscoexistenz auflösen. So verstärkt die Lust, die aus der Tonwirkung quillt, nicht etwa die Lust an der Melodie. Die Freude an der Melodie bleibt, wie sie ist Nur gesellt sich ihr noch die Lust aus der Tonwirkung hinzu. Beide Gefühle stehen aber nebeneinander, und jedes kann beliebig in den Blickpunkt des Bewufstseins gehoben werden. Was den Schein hervorbringt, als sei nur ein und zwar ein verstärktes Gefühl vorhanden, das ist auch hier wiederum die schon mehrmals betonte geringe Ab¬ grenzungsfähigkeit der Gefühle im Allgemeinen und der gleich¬ artigen im Besonderen. Uebrigens ist in solchen Fällen that- sächlich ein Mehr an Gefühlen vorhanden, und so giebt es denn auch immerhin einen guten Sinn, von einer Verstärkung der Gefühle zu reden, ohne dafs es nöthig wäre, dabei an einen Ver¬ schmelzungsvorgang zu denken. § 4. Wir haben bisher gewissermaafsen auf indirectem Wege ver¬ sucht, die Frage zu lösen, ob es Gefühlscomplexionen der zweiten 1 S. oben § 2.