IHspositionspsychologisches über Gefühlscomplexionen. 411 Nun soll noch untersucht werden, ob nicht vielleicht gleich¬ zeitig von der Superiusvorstellung und den Inferioren Vorstellungen Gefühlswirkungen ausgehen. Auf diese Frage sieht man sich durch die ebenso bekannte wie einfache Thatsache geführt, dafs die gleiche Melodie auf schlechtem Instrumente gespielt weniger gefällt, als wenn sie auf gutem zum Vortrage gelangt, und dafs die Tonwirkung eines guten Instrumentes die Lust an der Melodie zu erhöhen scheint Eine naheliegende Erklärung für Erscheinungen dieser Art bietet sich in der Annahme einer Compensation der Gefühle, bezw. einer gegenseitigen Ver¬ stärkung derselben. Man könnte meinen, die aus der Ton¬ wirkung stammende Unlust compensire einen Theil der mit der Melodie verbundenen Lust, und die Lust an dem schönen vollen Ton verstärke die Lust an der Melodie. Diese Erklärungs¬ weise wird demjenigen, der sich den Standpunkt der Gefühls¬ zusammensetzung zu eigen gemacht hat, um so willkommener sein, als sich so die Complexionsgefühle in gewissem Sinne nun doch wiederum als zusammengesetzte Gefühle darstellten. Es wTar schon früher die Gelegenheit gegeben, zu zeigen, dafs Com¬ pensation, bezw. gegenseitige Verstärkung der Gefühle als Special¬ fall der Gefühlszusammensetzung anzusehen sei. Das an anderer Stelle Gesagte braucht also hier blos wiederholt zu werden. Soll ein Theil von Lust durch Unlust oder umgekehrt ein Theil von Unlust durch Lust gleichsam vernichtet werden, oder soll ein Gefühl durch ein anderes verstärkt werden, so müfsten die be¬ treffenden Gefühle doch irgendwie ineinanderfliefsen, und das resultirende Gefühl müfste, so wie beider Gefühlszusammensetzung, als aus einem Vermengungsprocesse hervorgegangen gedacht werden. Das auf diese Weise entstandene Gefühl wäre dann hin¬ sichtlich seiner Intensität durch die Intensität der sich compen- sirenden, bezw. der sich gegenseitig verstärkenden Gefühle bestimmt. Könnten wir die Intensitäten der Gefühle durch Maafszahlen ausdrücken, so wäre die Intensität des aus dem Compensations- bezw. Verstärkungsprocesse stammenden Gefühles gleich der Differenz, bezw. der Summe der Intensitäten der in dem Ver- mengungsvorgange untergegangenen Gefühle. Für die Möglichkeit einer Compensation von Lust und Un- lust scheinen auch allgemein gangbare sprachliche Ausdrücke Zeugnifs abzulegen. Man spricht häufig davon, dafs ein Tropfen Unlust in dem Becher der Freude diese zu verbittern vermag,