Diypcsitionspaychologisclicg über Oefühlscomplejcionen. 409 schäften und Züge der betreffenden Person vor unserem Auge passieren lassen, so finden wir gelegentlich zu unserem Erstaunen, dafs der Mensch, den wir sozusagen zerpflückt haben, aber auch nicht eine Eigenschaft oder ein Merkmal besitzt, das uns gefiele. Wie ist es also zu begreifen, dafs wir dennoch der Person selber, abgesehen von ihren Eigenschaften, die uns ja gleichgültig lassen, Sympathie entgegenbringen? Ich meine, die Frage löst sich durch die Besinnung, dafs hier das Sympathiegefühl seine Quelle anderswo haben mufs als in angeblichen Einzelgefühlen. Was uns sympathisch berührt, das ist die ganze Persönlichkeit in ihrer Eigenart, und das ist etwas anderes als die Summe der Eigenschaften und Merkmale. In der Persönlichkeit tritt uns, — um mit Ehrenfels zu sprechen —, eine Gestaltqualität5, also ein neuer Vorstellungsgegenstand entgegen, und diesem ist ein eigenes Gefühl, ein von der Betrachtung der Einzelheiten unab¬ hängiges Gefühl, eben das Sympathiegefühl zugeordnet. Das Beispiel bewährt sich natürlich auch in dem Falle, als man sich die Betrachtung der einzelnen Eigenschaften zur Gänze oder theilweise mit schwachen Lustgefühlsregungen verbunden denkt. Drittens: Endlich ist in Erwägung zu ziehen, inwieweit eine Ab¬ hängigkeit der Qualität des Totalgefühles von den Qualitätsver¬ hältnissen der Einzelgefühle constatirbar sein müfste. In dieser Beziehung könnte wohl als Grundsatz gelten, dafs bei gleicher Qualität sämmtlicher Einzelgefühle das Totalgefühl niemals ent¬ gegengesetzten Charakter annehmen könnte. Nun giebt es aber unstreitig Fälle, in welchen das mit der Complexionsvorstellung auftretende Gefühl etwa Lustqualität zeigt, während die an die Inferiorenvorstellungen gebundenen Gefühle Unlustgefühle sind. Man nehme z. B. an, dafs die einzelnen Eigenschaften einer Person geradezu mifsfallen, während die Persönlichkeit selber doch sympatisch berührt und man sieht, dafs das zur Com¬ plexionsvorstellung gehörige Gefühl und die den Inferiorenvor¬ stellungen zugeordneten Gefühle von entgegengesetzter Qualität sein können. Dem Sympathiebeispiel ist in der zuletzt ange¬ deuteten Form nun allerdings eine gewisse Künstlichkeit, welche natürlich der Beweiskraft Eintrag zu tlmn im Stande ist, nicht abzusprechen. Indes es stehen auch andere Thatsachen zur Ver- 1 v. Ehrenfels. lieber Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschviß für wissen schuftliche Philosophie, Jahrgang 1890, S. 249—292.