408 Robert Saxhujzr. eingeräumt werden können, dafs hinsichtlich der Qualität und Intensität gleichen oder ähnlichen Einzelgefühlen auch gleiche oder ähnliche Totalgefühle entsprechen müfsten. Wie nun Witasek gezeigt hat, können aus einer gegebenen Anzahl von Bestandstücken verschiedenerlei Complexionen gebildet werden.1 Die verschiedenen, aber auf gleichen Inferiorenvorstellungen auf¬ gebauten Complexionsvorstellungen müfsten also nach der Total¬ gefühlstheorie von gleichen oder ähnlichen Gefühlen begleitet sein, weil ja die gleichen Inferiorenvorstellungen stets gleiche oder ähnliche Gefühle hervorbringen. Erfahrungsgemäfs ist es aber für das Gefühl keineswegs gleichgültig, zu welcher Com¬ plexion die Bestandstücke zusammengefafst werden, genauer, welche Superiusvorstellung durch die Inferiorenvorstellungen pro- ducirt wird. Man denke nur an den polyphonen Tonsatz. Die minder musikalisch Veranlagten hören zwar eine der vielen mög¬ lichen Complexionen, aber wahrscheinlich nicht die richtige, d. h. die vom Componisten beabsichtigte. Die falschen Productionen werden vielleicht auch Gefühlsreactionen hervorbringen. Diese stehen jedoch in keinem Vergleiche zu denen, die auf richtig voll¬ zogene Productionen folgen. Wie man sieht, richtet sich das Com- plexionsgefühl nach der jeweiligen Complexionsvorstellung, ob¬ gleich die zu den Bestandstücken gehörigen Gefühle sich gleich oder ähnlich bleiben. Zweitens: Was die Intensität des Totalgefühles betrifft, so wird zugestanden werden, dafs unbeschadet eines be¬ liebig grofsen Spielraumes die Intensitätsverhältnisse der Einzel¬ gefühle doch wenigstens insoweit für die Intensität des Total¬ gefühles von Belang sein müfsten, als äufserst schwache Partial¬ gefühle zur Bildung kräftiger Totalgefühle kaum ausreichend befunden werden könnten. Noch weniger aber wird man an die Entstehung eines Totalgefühles glauben können, wenn die Superiusvorstellung durch Production aus gleichgültigen, also gefühlsfreien Inferiorenvorstellungen hervorgegangen ist Ein Beispiel wird zur Erläuterung dienen. Man pflegt das Sympathie¬ gefühl häufig als das Ergebnifs mehrerer oder vieler zusammen¬ wirkender Gefühle hinzustellen. Das ist nun nicht richtig. Wenn wir uns einmal fragen, wieso es denn kommt, dafs uns diese oder jene Person sympathisch ist, und die einzelnen Eigen- 1 Vgl. Witasek. „Beiträge zur Psychologie der Complexionen Zeit¬ schrift f. Psychologie 14 (6\ S. 412 ff.