Dispositionspsychologisches über Gefühîscomplexionen. 403 zwei Möglichkeiten, nämlich von Coexistenz und Zusammen¬ setzung der Gefühle, Erwähnung gethan wurde. Möglicherweise wird man noch die Anführung einer anderen Eventualität rück- sichtlich des Verhaltens zusammentreffender Gefühle vermissen. In dieser Beziehung könnte allenfalls die von manchen vertretene Behauptung, dafs sich Lust und Unlust beim Zusammentreffen im Bewufstsein gegenseitig compensirten, Lust und Lust bezw. Unlust und Unlust sich verstärkten, in Betracht gezogen werden. Gesetzt, es gäbe wirklich so etwas wie Compensation entgegen¬ gesetzter Gefühle und Verstärkung (Summirung) gleichartiger Gefühle, so steht doch soviel fest, dafs die Gefühle, die sich compensiren, bezw. verstärken sollen, doch irgendwie eine enge Verbindung eingehen, kurz einen Vermengungsprocefs durch¬ machen müfsten. Und das, was nach der Compensation übrig bliebe, bezw. was aus der Verstärkung resultirte, das wäre wohl kaum anders, denn als ein Totalgefühl aufzufassen. Compen¬ sation und Verstärkung der Gefühle bildeten also streng ge¬ nommen einen Specialfall der Gefühlszusammensetzung. Nach¬ dem sich überdies, wie später gezeigt werden soll, die That- bestände, hinter denen man Compensation, bezw. Verstärkung der Gefühle vermuthet, in viel einfacherer Weise erklären lassen, so ist es jedenfalls richtig, nur die zwei von uns bereits ins Auge gefafsten Möglichkeiten für das weitere Verhalten zu¬ sammentreffender Gefühle zu berücksichtigen. § 3. Die Gefühle a und b können, wie wir gesehen haben, ohne innigere Verbindung einfach neben einander existiren. Ein solches Zusammensein (Coexistenz) von a und b ist, wie ebenfalls bereits berührt, noch nicht das, was auf die Bezeichnung Totalgefühl Anspruch erheben könnte. Ein Totalgefühl würde erst dann vorliegen, wenn a und b ihre Selbständigkeit einbüfsten und an ihrer Stelle etwa in Folge eines Verschmelzungsvorganges ein Gefühl c entstände.1 Es fragt sich nun, ob solche Gefühls¬ bildungen (Gefühîscomplexionen) wirklich verkommen. Diese Frage ist in der Psychologie zumeist bejaht worden. Man hat sich mehr oder minder daran gewöhnt, die Lehre von der Ge- 1 S. oben § 1. 26*