230 Literaturbericht. das Stereoskop zwei Flächen zu einem Körper vereinigen lassen, können auch zwei kongruente Körper stereoskopisch zu einer Fläche vereinigt werden. Dies läfst sich sehr anschaulich an zwei dachförmig geknifften Karten zeigen. W. Trendelenburg (Freiburg i. Br.) Otto Abraham. Das absolute Tonbewufstsein. Psychologisch-musikalische Studie. Sammelhefte d. internat. Musikgesellsch. Berlin 1901. 86 S. Verf. behandelt das absolute Tongedächtnis in einer streng wissen¬ schaftlichen, und doch zugleich hinreichend populären Weise, um auch dem Nicht-Psychologen eine angenehm lesbare Schrift zu liefern. Er berichtet über eine grofse Anzahl von ihm selbst angestellter Versuche, zu denen er durch den Besitz eines sehr guten absoluten Tongedächtnisses ganz be¬ sonders geeignet war. Aufserdem hat er an eine grofse Zahl anderer Personen Fragebogen ausgesandt, die ein ziemlich wertvolles statistisches Material liefern. Das absolute Tongedächtnis kann in doppelter Weise wirksam sein: es kann die Benennung eines gehörten Tons ermöglichen, oder es kann die Vorstellung eines Tons ermöglichen, dessen Namen angegeben worden ist. Verf. untersucht zunächst die erste Art des Gedächtnisses. Die Höhen- und Tiefengrenze sind durchaus nicht identisch mit den entsprechenden Empfin¬ dungsgrenzen ; wenigstens nicht in der Flöhe. Bis zu etwa 60 Schwingungen hinunter besteht bei dem Verf. fast absolute Sicherheit im Benennen der Töne; von 60 bis zu 20 Schwingungen dagegen sind nur wenig mehr als ein Drittel der Fälle ganz richtig, und Fehler bis zu einer kleinen Terz sind häufig. In der Höhe beginnt die Unsicherheit bei etwa 3000 Schwingungen, bei 6000 sind nur noch ein Viertel der Fälle ganz richtig, und über 8000 hinaus besteht gar keine Urteilssicherheit mehr. Die Empfindungsgrenzen sind ungefähr 16- und 20000; die Grenzen des musikalischen Tongebrauchs 50 und 4000. Das Tongedächtnis geht also über die Grenzen des musikali¬ schen Gebrauchs hinaus, aber um weniger als eine Oktave. Psychologisch interessant ist die Neigung des Verf., die höchsten Töne mit einem Fs-Laut zu benennen, z. B. eis, fis, gis. Verf. behandelt dann die Abhängigkeit des Urteils von der Tonstärke, wobei er zu dem Ergebnis kommt, dafs das Stärke-Optimum für die absolute Höhenbeurteilung zwischen dem Stärke-Maximum und dem Stärke-Minimum liegt, aber beträchtlich nach der Seite des letzteren zu. Ferner wird behandelt der Einflufs der Klangfarbe. Gesangstöne sind im allgemeinen ziemlich schwer zu erkennen ; die Ursache ist nicht etwa die Grofse oder Kleinheit der Anzahl der Obertöne, sondern die Ungleich¬ artigkeit der Obertöne bei verschiedenen Gesangstönen. Bei Glocken- und Gläsertönen sind einzelne Teiltöne so besonders stark, dafs der Grundton oft hinter den Obertönen verschwindet, so dafs nur durch Aufmerksamkeit und Übung ein Heraushören des Grundtons möglich ist. Dies macht natür¬ lich das Benennen von Glocken- und Gläsertönen schwierig. Am leichtesten werden Klänge mit mäfsig vielen Obertönen beurteilt, was durch das häufige Hören solcher Tonkomplexe verursacht sein dürfte. Bei dem Verf. zeigte