158 Literaturberich t. der Kultur und der Unkultur, der Keligion und der Afterreligion, die uns jetzt am Herzen liegen, unter den ethischen Gesichtspunkt zu stellen. Man hat die Ethik der „Ethischen Grundfragen“ radikal, unpraktisch, individualistisch und unhistorisch genannt. Dies alles nehme ich, so wie es dem Inhalte des Buches zufolge einzig gemeint sein kann, als An¬ erkennung. Die Ethik ist notwendig radikal, d. h. sie geht überall auf die Wurzel. Sie ist im übrigen so radikal, wie es das ethische Prinzip, d. h. das Prinzip der absoluten sittlichen Autonomie seiner Natur nach ist. Und die Ethik ist notwendig unpraktisch in dem Sinne, dafs sie niemals „praktische“ Kompromisse schliefst, und nirgends die Frage stellt, wie ich am bequemsten und unangefochtensten zwischen der sittlichen Forderung, und dem, was die Macht hat und Geltung beansprucht, mich durchwinden kann. Sie ist individualistisch, sofern sie sieht, dafs das Sittliche immer nur im Individuum wirklich sein kann, also vom sittlichen Gesichtspunkt alles auf das Individuum zielt. Sie erkennt doch zugleich, dafs das In¬ dividuum nur durch das Ganze werden kann, was es werden soll, und dafs das Individuum die Pflicht hat, an seiner Stelle ins Ganze sich einzugliedern. Die Ethik ist endlich — nicht un historisch, sondern historisch, sofern sie das Prinzip der stetigen historischen Entwicklung und die Verpflichtung seiner praktischen Anerkennung festhält. Sie ist doch zugleich schlechter¬ dings unhistorisch, in dem Sinn, dafs sie nichts gut nennt, lediglich darum, weil es historisch geworden ist und historisch „zurecht besteht“ ; da sie sieht, dafs das Schlechteste und Gemeinste, das besteht, genau ebensowohl historisch geworden ist, wie das Edelste und Erhabenste. Ich füge noch die Kapitelüberschriften hinzu. Sie lauten: Einleitung. Egoismus und Altruismus; Die sittlichen Grundmotive und das Böse; Handlung und Gesinnung (Eudämonismus und Utilitarismus); Gehorsam und sittliche Freiheit (Autonomie und Heteronomie) ; Das sittlich Eich tige ; Die obersten sittlichen Normen und das Gewissen; Das System der Zwecke; Soziale Organismen (Familie und Staat); Die Freiheit des Willens (De¬ terminismus und Indeterminismus) ; Zurechnung, Verantwortlichkeit, Strafe. (Selbstanzeige.) C. Lombroso. Die Ursachen und Bekämpfung des Verbrechens. Übersetzt von Dr. H. Kur eil a u. Dr. E. Je nt sch. Berlin. H. Bermühler. 1902. 403 S. M. 10.—. Kurella, der Übersetzer und unermüdliche Vorkämpfer Lombroso’s, glaubt von diesem Werke, dafs es das gröfste Hindernifs entfernen werde, das einer Würdigung der LoMBROSo’schen Ideen bei uns bisher entgegen¬ gestanden hätte, das Vorurteil nämlich, dafs er und seine Schule den Ver¬ brecher als einen Geisteskranken aus einem Objekte der Kriminalpolitik zu einem Objekte der Krankenpflege machen wolle. Ob dies wirklich ein Vorurteil war, möchte ich dahin gestellt sein lassen. Tatsächlich ist Lombroso mit neuen und sehr revolutionären Ideen in die alte Strafrechtspflege hineingefahren, und er hat, wie alles Neue, an¬ fänglich den heftigsten Widerstand gefunden. Allmählich aber hat die Be¬ wegung, die seinen Namen trägt, immer weitere Kreise ergriffen, so dafs sich eigentlich niemand ihr ganz entziehen kann. Dafs er dabei im Eifer