86 Literaturb ericht. P. Lazarus. Die Bahnungstherapie der Hemiplegie. (Nach einem Vortrag geh. am XX. Kongrefs f. innere Med. in Wiesbaden, April 1902). Zeitschrift f. Min. Med. 45 (3 u. 4), 1902. 28 S. In der Abhandlung sucht Verf. den Praktiker zu ermuntern mit dem neuen Verfahren, das hauptsächlich von der LEYDENSchen Schule ausge¬ bildet worden ist, heilend oder helfend beizustehen. Die anzuwendende Bahnungstherapie, die in einer kompensatorischen Ausnutzung der er¬ haltenen Leitungsbahnen und in der Ausschleifung neuer Leitungswege besteht, scheint durch theoretische Überlegungen, soweit sie Anatomie und Physiologie zulassen, recht wohl begründet zu sein. Verf. bemüht sich auch das darzulegen und der erste, der theoretische Teil, wird dadurch sehr lehrreich. Was aber die Anwendung in der Praxis anbelangt, so mutet Verf. dem Praktikus doch zu viel zu, und man kann sich dem Eindruck nicht verschliefsen, dafs allzu sehr theoretische Erwägungen praktisches Handeln hier diktieren, ohne dafs tatsächlich Erfahrung genügend die Probe auf das Experiment gegeben hat. Es wäre hier zu weitläufig zu schildern, mit welchem Mals von „Verständnis, Hingebung und Energie“ der Arzt sich wappnen mufs, um den Hemiplegiker wieder den Gebrauch seiner Glieder zu ermöglichen. Die ganze Therapie erscheint als ein mühevolles Dressur¬ stück. L. Merzbacher (Strafsburg i. E.). A. Binet. L’observateur et l’imaginatif. Année psychol. 7, 519—523. 1901. Als B. eine Psychologie der individuellen Differenzen auf seine Methode der „mental tests“ gründen wollte, die in 1 x/2 Stunden ein Paar Dutzend psychische Funktionsproben aller Art liefern sollten, fand er be¬ rechtigten Widerspruch; obige vorläufige Mitteilung zeigt, dafs seine Praxis seine Theorie hat fallen lassen und dafs seine Arbeit in Bahnen einlenkt, die wirkliche Ausbeute für die Individual-Psychologie erhoffen lassen. Versuche, die er zunächst in wahlloser Anwendung der ver¬ schiedensten Methoden Monate lang an zwei jungen Mädchen angestellt hat, haben ihm nämlich gezeigt, dafs die Eigenart einer Individualität nicht ein Mosaikbild von allen möglichen Eigenschaften sei, sondern sich unter einige grofse Leitmotive (caractères dominateurs) ordnen lasse, und dafs es vor allem darauf ankomme, solche herrschenden Züge in ihrer Betätigung auf verschiedenen Einzelgebieten zu prüfen (eine methodische Forderung, die Bef. schon längst gegenüber der Anpreisung der mental tests ausge¬ sprochen hat). Einen solchen herrschenden Zug sieht er nun in der Art, wie Eindrücke aufgefafst und wiedergegeben werden, ob beobachtend (ob¬ jektiv, exakt, prosaisch) oder phantasievoll (subjektiv, unexakt, originell), und der glückliche Zufall wollte, dafs er diese Scheidung und ihre weit¬ reichende Bedeutung für die individuelle Differentiation an seinen beiden Versuchspersonen in seltener Deutlichkeit studieren konnte. (Ein ganz ähn¬ licher glücklicher Zufall hat den Bef. seinerzeit zu einem ganz ähnlichen Besultat, nämlich zur Scheidung zwischen einem „objektiven“ und einem „subjektiven“ Typus geführt. S. diese Zeitsehr. 22, 13.) W. Stern (Breslau).