438 Literaturberich t. äufser in „Disharmonie“ auch in der Rauhigkeit (Interferenz) benachbarter Töne gründen. Interferenzerscheinungen (Schwebungen, Kombinationstöne) können aber nur bei simultaner Perzeption der Reize wahrgenommen werden, also nach Goldschmidt nur bei harmonischen Tönen, was der Erfahrung wider¬ spricht. Überhaupt kehren gegen die neue Hörtheorie alle gegen Ewald erhobenen Einwände wieder (vergl. diese Zeitschrift 22, S. 291 ff.). Däfs Schwankungen und Rauhigkeit begleitende, nicht aber konstitutive Merk¬ male der Dissonanz sind, ist vielfach zur Evidenz erwiesen. Da alle Erscheinungen der Aufmerksamkeit und Auffassung schon im Physiologischen ihre Erklärung finden sollen, bleibt nur der positive Ge¬ fühlston, der die Harmonie begleitet, für die psychologische Betrachtung. Verf. erklärt ihn — biologisch, indem er „Genufs“ als „gefühlte Förderung unserer Lebensfunktionen“ definiert. Die Verwandtschaft der Akkorde er¬ kläre sich hiernach aus der relativ leichten Anpassungsarbeit des Organs, während rascher und schwieriger Harmonienwechsel ermüdend wfirkt. Verf. hält die Aufgabe der einheitlichen Verknüpfung des physikali¬ schen, physiologischen und psychologischen Momentes der Sinnesempfindung durch Einführung des Harmonie- und Komplikationsbegriffes auf akusti¬ schem Gebiet für gelöst, und dehnt im zweiten Teile seiner Arbeit die Untersuchung auf das optische Gebiet aus. Die Durchführung der Analogie stöfst hier auf noch zahlreichere und noch bedenklichere Schwierigkeiten, als auf dem Tongebiet, auch müssen vielfach die in diesem gewonnenen Ergebnisse als bewiesen vorausgesetzt wrerden. Endlich wfird die Herrschaft des Komplikationsgesetzes noch auf verschiedenen anderen Gebieten: der Entwicklungslehre (Septen der hexameren Korallen) der bildenden Kunst, den Zahlensystemen aufgezeigt. Erkenntnistheoretische Betrachtungen be- schliefsen die Arbeit. Es ist nicht möglich hier auf die vielfach interessanten und geistreichen Details der Arbeit einzugehen. So reizvoll es sein mag, den eleganten De¬ duktionen zu folgen, wrird man doch bei der Lektüre das Bedenken nie los, dafs der Wissenschaft mit deduktiver Spekulation, die das bereits sicher¬ gestellte Tatsachenmaterial nur unvollkommen berücksichtigt, wenig gedient ist. Hornbostel (Berlin). T. Thunbekg. Untersuchungen über die bei einer einzelnen momentanen Haut¬ reizung auftretenden zwei stechenden Empfindungen. Skandinav. Arch, für Physiologie 12, 394—244. 1902. Verf. untersucht das von ihm gefundene Auftreten von zwrei Schmerz¬ empfindungen bei einmaliger Hautreizung. Auch Gad und Goldscheider (dieses Archiv 2, 402) beobachteten das Phänomen und erklärten es als zen¬ tralen Ursprungs. Diese Erklärung hält Verf. für nicht befriedigend. Wenn die beiden zeitlich getrennten Empfindungen, die „augenblickliche“ oder „frühe“ und die „verzögerte“ oder „späte“ als stechend bezeichnet wrerden, so soll damit nicht geleugnet sein, dafs der Schmerz auch anderen Charakter haben könne. Es sind vielmehr von den stehend-brennenden Schmerz¬ empfindungen die dumpfen zu trennen, welche mehr von tieferen Haut-