Literaturbericht. 421 Der in der zweiten Krankheitsperiode zu beobachtende Symptomen- komplex der Ataxie wird von Luciani nach 3 Gesichtspunkten aufgelöst: Man beobachtet 1. Astasie, d. i. das Unvermögen kleinhirnoperierter Tiere eine ruhige Haltung zu bewahren; 2. Atonie, d. i. Herabsetzung des Muskeltonus, Schlaffheit der Muskeln in der Ruhe; 3. Asthenie, eine Ver¬ minderung der Muskelenergie in der Tätigkeit. Das Bestehen von Astasie und Atonie wird von L. als richtig anerkannt, eine Asthenie im Sinne Lucianis dagegen entschieden bestritten und zwar hauptsächlich auf Grund von Erscheinungen, welche auch Luciani beobachtet hat und als „Dysmetrie“, Mafslosigkeit der Extremitätenbewegungen, bezeichnet hat. Gerade dieses Symptom, welches auf unzweckmäfsig grofses Aufgebot von Muskel¬ energie schliefsen läfst, stellt Lewakdowsky nun in den Mittelpunkt seiner Darstellung und folgert daraus, dafs alle motorischen Störungen nach Klein¬ hirnverletzung von Störungen des Muskelsinnes oder des Lage¬ sinnes, nicht aber von Schwäche der Muskelaktion begleitet sind. Alle Beobachtungen vereinigen sich nach L. also zu dem Nachweise, „dafs die Kleinhirnataxie eine sensorische Ataxie ist; sie beruht auf einer schweren Störung des Muskelsinnes, die zur Folge hat, den Verlust der Fähigkeit, die Bewegungen abzustufen, die verhältnismäfsige Stärke und Schnelligkeit und die Reihenfolge der einzelnen oder synergisch verbundenen Muskel¬ kontraktionen zu regeln, daher die Bewegungen den ausgesprochenen Charakter der Unzweckmäfsigkeit erhalten.“ Die Tatsache, dafs die Folgen der Kleinhirnverletzung und -Exstirpation sich mit der Zeit mehr oder weniger ausgleichen, dafs ferner die bestehen¬ den Erscheinungen noch durch Grofshirnverletzungen gesteigert werden können, führt zu dem Schlufs, dafs das Kleinhirn nicht etwa ausschliefslich eine Zwischenstation zum Grofshirn für die Bahnen des Muskelsinnes ist, dafs es vielmehr Bahnen des Muskelsinnes gibt, welche ohne Vermittlung des Kleinhirnes zum Grofshirn ziehen. Der Muskelsinn erscheint demnach auf zwei, bis zu einem hohen Grade voneinander unabhängige Zentralorgane verteilt, welche sich innerhalb gewisser Grenzen gegenseitig vertreten können. Beide Zentren differieren hinsichtlich der Rolle, welche das Be- wufstsein für die Koordination der Bewegungen spielt: Während der im Grofshirn lokalisierte Teil des Muskelsinnes die Bewegung durch die Ver¬ arbeitung zur bewufsten Vorstellung beeinflufst, greift die Regulierung durch das Kleinhirn in denjenigen Teil einer jeden Bewegung ein, welche unterhalb der Grofshirnstufe des Bewusstseins verläuft. H. Piper (Berlin). Max Rothmann. Die Erregbarkeit der Extremitätearegion der Hirnrinde nach Ausschaltung zerebrospinaler Bahnen. Vorgetragen in der physiologischen Gesellschaft zu Berlin. Archiv für Physiologie (lu. 2), 154—155. 1902. Verf. untersucht durch Experimente an Hunden und Affen die Frage, wie sich die Reizung der Extremitäten von der Hirnrinde aus verhält, wenn die Pyramidenbahnen ausgeschaltet sind. Die wesentlichsten Resultate sind folgende : 1. Die Leitung von der Hirnrinde zu den gekreuzten Extremitäten benutzt die Pyramidenbahn und das MoxAKOWSche Bündel.