Literaturbericht. 361 ihm, überall von einer Analysis des Wirklichen aus, und was auf diesem Wege gewonnen wird, das kann sich im Grunde so wenig widersprechen wie die Natur selbst, Wohl aber ist es nicht immer leicht, und auch für Schopenhauer nicht leicht gewesen, die innere Zusammenstimmung aller der auf diesem analytischen Wege gewonnenen Überzeugungen zu erkennen und für sich und andere deutlich darzulegen. In diesem Sinne können die vom Verf. beigebrachten Briefstellen und die nachfolgende Diskussion der¬ selben in hohem Grade zu einer tieferen Erfassung der ScHOPENHAUEEschen Gedanken anregen; eine solche aber wird, im Gegensätze zur Meinung des Verf., die Überzeugung nur bestätigen können, dafs Schopenhauer von Î818 bis 1860 in seinen Gedanken durchaus konsequent und sich selbst treu geblieben ist, wie sich dies schon äufserlich darin bestätigt, dafs der erste Band des Hauptwerkes von 1818 in der zweiten Auflage 1844 und in der dritten 1859, von Nebensächlichem abgesehen, unverändert wieder ab¬ gedruckt worden ist. Es würde zu weit führen, dies bei allen Punkten, in denen der Verf. eine Modifikation der Lehren des Meisters zu finden glaubt, im einzelnen nachzuweisen ; wir begnügen uns damit, die prinzipiell wichtigsten Punkte hervorzuheben. 1. Schopenhauers Idealismus ist nie in die Einseitigkeit verfallen, alle Mannigfaltigkeiten der Dinge aus dem Bewufstsein allein abzuleiten, welches vielmehr als eines und dasselbe allen Verschiedenheiten der Natur gegen¬ übersteht. Diese müssen somit im Ding an sich selbst wurzeln, so wenig wir das auch begreifen können. Die transzendentale Idealität der Er- scheinungsvrelt schliefst nicht aus, dafs alles Erscheinende mit seinen tausendfachen Verschiedenheiten eine transzendente Realität habe; aber diese Realität ist eben eine transzendente, raumlose und zeitlose, und bleibt somit unserer Erkenntnis völlig unzugänglich und verschlossen. 2. Der Wille ist das Ding an sich; er ist dem Bereiche der Kausalität und der Veränderlichkeit völlig entrückt und kann daher nie verändert oder gar aufgehoben werden. Die Verneinung des Willens zum Leben, wie sie in jeder moralischen Handlung hervortritt, ist somit nicht eine Auf¬ hebung des Willens, sondern nur des Wollens, des veile. Nicht in diesem, sondern im Nichtwollen, im nolle liegt die wahre und ewige Wesenheit, W'elche nur unserer an die Bejahung gebundenen Auffassung als negativ erscheint, in Wahrheit aber das eigentlich Positive ist, welches seine un¬ geheuere Macht in den moralischen Handlungen betätigt, im übrigen aber unserer Fassungskraft entrückt ist und bleibt. 3. Die Handlungen der Verneinung treten im Zusammenhänge der empirischen Realität auf und müssen sich somit der Kausalität als dem allgemeinen Schema derselben einordnen, daher erscheinen auch sie uns als Wirkungen, die mit Notwendigkeit aus ihren Ursachen hervorgehen. Diese Ursachen sind, wie bei allen empirischen Handlungen einerseits ein Ich, d. h. ein Egoismus als Charakter und andererseits Lust und Schmerz als die ihn bestimmenden Motive. Aber dieses Kausalitätsschema ist in den moralischen Handlungen von einem ganz andersartigen Inhalte erfüllt; es sind nicht mehr Lust und Schmerz des eigenen Individuums, sondern die¬ jenigen der Mitmenschen und Mitgeschöpfe, welche als Mitleid das moralische Handeln bestimmen, und der durch sie zum Handeln ange-