360 Literaturberich t nur aufgegeben, kann daher nicht als Objekt betrachtet werden; letzteres ist eine Wirklichkeit, ein Ich-Objekt. Bestand die erste Aufgabe darin, richtig zu urteilen, so ist es die zweite Aufgabe der Erkenntnistheorie, die Objekte so umzuformen, dafs sie zu bejahenden Urteilen werden können. Dies hängt nun nicht nur von den obersten Normen, sondern auch von dem gegebenen Material ab. Gegeben sind uns Dinge in Raum und Zeit die in gröfsere Kausal¬ zusammenhänge eingeschlossen sind. Diese Formen sind nun, wie sie zu variablen Faktoren, unseren Gefühlen und Willensakten in enger Beziehung stehen, selbst variabel. Da nun aber etwas bejahen so viel heilst, wie ihm absoluten Wert beilegen, so müssen diese variablen Formen in identische Formen umgewandelt werden, um Objekt für das erkenntnistheoretische Subjekt zu werden. So mufs der Raum, damit mehrere Subjekt und das¬ selbe Subjekt zu verschiedenen Zeiten denselben Raum anzuschauen ver¬ mögen, als mit sich identisch und homogen betrachtet werden, wozu uns die empirische Anschauung gar keine Veranlassung gibt. Damit hängt noch eine zweite Aufgabe zusammen. Die empirischen Denkakte verlaufen in der Zeit, müssen also mit dem Bewufstsein ihrer Identität reproduziert werden ; da aber zugleich die Objekte in einer unab¬ sehbaren Mannigfaltigkeit in der Anschauung gegeben sind, daher sich nicht fixieren lassen, so müssen sie in Begriffe umgewandelt werden, die fixierbar und reproduzierbar sind. Die Prinzipien solcher Umformung sind die Kategorien der Gleichheit, des Unterschiedes, der Zahl etc. So ergibt sich denn als ideales Weltbild, „eine Ordnung absolut zu¬ sammengehöriger Wirklichkeitselemente im identischen, homogenen Raume und in der identisch homogenen Zeit und mental existierend in der Form des Begriffes“ herzustellen. Dies ist freilich nur eine Idee, im Sinne Kants, die wir wohl niemals ganz erreichen werden. Moskiewicz (Breslau). R. Schlütee. Schopenhauers Philosophie in seinen Briefen. Leipzig, Barth, 1900. 125 S. Der Verf. dieses lebendig und anregend geschriebenen kleinen Buches unternimmt es, die Philosophie Schopenhaueks aus dessen Briefen zu be¬ leuchten. Entsprechend den vier Hauptteilen des ScHOPENHAUEESchen Systems behandelt er der Reihe nach die Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik. Er setzt dabei Schopenhauees System im allgemeinen als bekannt voraus und wendet sein Hauptinteresse den Punkten zu, in welchen, wie er glaubt, Schopenhattee, gedrängt durch die brieflichen Ein¬ wendungen seiner Freunde, Feauenstädt, v. Doss, Beckee u. a., in seinen Antworten an diese Freunde sich zu einer Modifikation seines Systems ver¬ standen habe derart, dafs der ursprüngliche Idealismus und schroffe Pessimis¬ mus einer mehr realistischen und in gewissem Sinn optimistischen Welt¬ anschauung Platz gemacht habe. Diesem Versuche, in Schopenhauees An¬ sichten eine Entwicklung und Umbildung früherer Auffassungen nachzu¬ weisen, können wir, etwa von ganz Nebensächlichem abgesehen, nicht zustimmen, und die Punkte, in welchen der Verf. Widersprüche zwischen früheren und späteren Anschauungen zu finden glaubt, sind in anderer Weise zu erklären. Schopenhauee geht, wie kein anderer Philosoph vor