Literaturbericht. 359 als Aufgabe gegeben, und wollen wir diese Aufgabe näher betrachten, so müssen wir die Mittel aufsuchen, die zur Lösung dieser Aufgabe führen. Die Methode der Erkenntnistheorie wird also teleologisch sein. Aus der als Endziel aufgestellten Aufgabe werden deduktiv andere Aufgaben ent¬ wickelt, die zur Erreichung der ersteren dienen sollen. Die Aufgabe be¬ steht nun darin, einem Objekte denjenigen Wert beizumessen, der ihm zu¬ kommt. Da man aber im Verlaufe des Denkens dazu kommen kann, ein Objekt als wertlos zu verwerfen, negative Urteile aber nie eine Be¬ reicherung unserer Erkenntnis bilden können, so mufs die Aufgabe dahin abgeändert werden, Objekte so umzuformen, dafs wir sie als wertvoll an¬ erkennen müssen. Für die Erkenntnistheorie ist es nun ganz gleichgültig, ob die Objekte, an denen sich das Urteil vollzieht, wirklich vorhanden sind, oder ob sie nur undeutlich zum Bewufstsein kommen; ob andererseits das Gefühl der Tätigkeit immer bewufst vorhanden ist, oder hinter anderen Erlebnissen zurücktritt. Und tatsächlich ist oft statt der Objekte nur ein Surrogat vor¬ handen, ebenso wie für die Strebungen. Aufgabe der Psychologie ist, diese Surrogate näher zu untersuchen; die Erkenntnistheorie hat es nur mit der Bedeutung und dem Werte, der diesen Objekten beigelegt wird, zu tun. Um richtig zu urteilen, d. h. um dem Objekt den ihm zukommenden Wert beizulegen, mufs ich um diesen Wert wissen und mein Urteil auf dieses Wissen gründen; ferner mufs mein Urteil unvergänglichen Wert haben, jeder andere und zu jeder Zeit mufs zu demselben Urteile ge¬ langen, wie ich jetzt. So wären der Satz vom Grunde, der Identität und vom Widerspruch hergeleitet aus der Aufgabe, richtig zu urteilen. Diese Sätze sind Normen, nicht Naturgesetze des Denkens; sie besagen, dafs nur bei ihrer Befolgung richtig geurteilt werden kann. Wären sie reine Naturgesetze, des Denkens, so könnten nie Denkfehler gemacht werden. Das Bewufstsein des Wertes eines Objektes, das #doch notwendig ist, um richtig zu urteilen, wird nun in letzter Linie zurückgeführt auf ein Gefühl, das uns den Wert unmittelbar zum Bewufstsein bringt, ein soge¬ nanntes Wahrheitsgefühl. Es bedeutet, dafs im gegebenen Falle so und nicht anders geurteilt werden soll, es ist also ein Gefühl der Urteils¬ notwendigkeit. Wenn ein richtiges Urteil Allgemeingültigkeit und schlechtsinniges Gelten verlangt, so heifst das, dafs dem Objekte gegenüber immer eine identische Stellung eingenommen werden mufs. Der Urteilende mufs also zu einem unveränderlichen und identischen Subjekte werden, oder wenigstens danach streben. Dieses als Ideal gedachte Subjekt ist das er¬ kenntnistheoretische Subjekt, im Gegensatz zum empirischen Individuum, das in seinen Urteilen Schwankungen ausgesetzt ist. Erkenntnistheoretisches und empirisches Subjekt unterscheiden sich nun des weiteren noch durch folgendes voneinander: Ersteres ist mit sich identisch, letzterer ist in seinen Funktionen wandelbar, ersteres ist der Be¬ ziehungspunkt nur der richtigen Urteile, letzteres aller psychischen Akte. Ersteres ist nicht wirklich, sondern nur ein Ideal, nicht gegeben, sondern