358 Literaturbericht. Widerstände an einer Reaktionsbewegung gehindert wird, diese später nach Aufhören des Reizes noch nachholen kann, sofern der Widerstand gehoben ist; woraus sich eine weitgehende Selbständigkeit des Reizaufnahmevor- ganges (sensation) und der Reaktionsbewegung (réaction) ergibt. Im Sinne einer derartigen Selbständigkeit hat D. auch die Muskeln (Gastrocnemius des Frosches) untersucht. Seine Versuche zeigen, dafs von einem Muskel, welchen man etwTa zur Hälfte sorgfältig eingegipst hat, so dafs sich das eingeschlossene Stück durchaus nicht bewegen kann, bei wiederholter Reizung vorwiegend nur der freigelassene Teil ermüdet, obgleich der vom Gips umschlossene die Reize empfangen und fortgeleitet hatte. Befreit man den Muskel, sobald das freie Ende keine Zuckungen mehr verzeichnet, aus seiner Gipsumhüllung während die rhythmische elektrische Reizung weitergeht, so beginnt jetzt eine neue Zuckungsreihe, welche von dem bisher an der Reaktionsbewegung verhindert gewesenen Muskelabschnitt herrührt. Der Verf. variiert diesen Versuch in mannig¬ facher Weise und kommt nach experimenteller Ausschaltung anderer Er¬ klärungsmöglichkeiten zu dem Ergebnis: Der Muskel vermag einen Reiz aufzunehmen und fortzuleiten, ohne eine Reaktionsbewegung auszuführen, und es wird bei fortgesetzter Reizung vorwiegend nur die Fähigkeit der Reaktionsbewegung, also der Kontraktion, durch Ermüdung be¬ einträchtigt, während die Reizbarkeit und das Reizleitungs¬ vermögen wenig von letzterer betroffen wird; woraus sich auch beim Muskel eine beträchtliche Unabhängigkeit des Vorganges der Reizbewegung von dem der Reizaufnahme und Reizleitung ergebe. Jensen (Breslau). Brodee Christiansen. Erkenntnistheorie und Psychologie des Erkennens. Hanau, Clauss & Feddersen, 1902. 48 S. Mk. 1,50. Seit Locke und Hume erkenntnistheoretische Fragen psychologisch zu lösen versuchten, hat man es immer wieder versucht, trotz Kant, die Psychologie zum Fundament und Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie zu machen. Und doch behandeln beide Wissenschaften dasselbe Problem der Erkenntnis von ganz verschiedenen Standpunkten aus. Unser Erkennen vollzieht sich in Urteilen, Urteile aber sind psychische Gebilde und gehören als solche der Psychologie an. Diese hat festzustellen, aus welchen einfacheren psychischen Gebilden diese sich zusammensetzen, in welchem kausalen Zusammenhänge sie mit anderen psychischen Gebilden stehn u. s. w. Alles Tatsächliche am Urteil fällt ins Gebiet der Psychologie. Aber die Frage nach der Wahrheit, der Gültigkeit eines Urteils — und darum handelt es sich doch schliefslich beim Erkenntnisprozefs — vermag die Psychologie nicht zu lösen, da diese keine Tatsachen sind. Freilich wird in jedem Urteile vom Urteilenden etwas für wahr gehalten, und diese Meinung hat der Psychologe zu er¬ klären, ob aber dieser Anspruch auf Gültigkeit berechtigt ist, vermag er uns nicht aufzuzeigen. Hierzu ist eine andere Methode als die kausale der Psychologie nötig. Zweck und Aufgabe alles Erkennens und somit alles Urteilens ist die Erforschung der Wahrheit. Darum ist uns diese nicht als Tatsache sondern