76 Literaturbericht. absichtigt die geplante und unter ärztlicher Leitung zu stellende Kolonie Friedau; sie soll sozusagen ein verklärtes Landleben bieten. Wegen der strengen Durchführung der Abstinenz eignet sich die Anstalt auch für Alkoholisten, aber nur für solche, die noch nicht oder nicht mehr der Trinkerheilstätte bedürfen. Die Kolonie, die sich, auch durch Aufnahme Gesunder, selber unterhalten soll, wird aus Privatmitteln, durch Zeichnung von Anteilscheinen, gegründet. Das Institut, das unter der Ägide von Fobel, Gbopimann, Moebius und Ringieb steht, ist nach seinem Ziel und Zweck, nach seiner Einrichtung und Gründung so eigen-, ja, einzigartig, dafs es das Interesse weitester Kreise verdient. Ebnst Schultze (Andernach). N. Yaschide, et H. Piéeon. L’état mental d’un xiphopage. Lev. scient. 17 (18), 555—561; (19), 583-589. 1902. Unter Xiphopagen versteht die Medizin eine bestimmte Doppelmifs- bildung und zwar zwei aus einer Keimblase stammende Individuen, deren Verbindung sich auf eine schmale Brücke in der Gegend des späteren Nabels beschränkt. Das bekannteste Beispiel sind die sog. siamesischen Zwillinge. Verff. stellten die vorliegenden Beobachtungen an den chinesi¬ schen Zwillingen an, die Babnum und Bailey bei ihrer Tournée durch Europa mitführten. Sie untersuchten das Verhalten der Respiration und der Zirkulation bei jedem Individuum im gewöhnlichen und bei psychischer Einwirkung. Interessant ist das Ergebnis, dafs das eine Individuum das andere, welches lebhafter, ernster, folgsamer, aufmerksamer und körperlich schwacher ist, viel mehr beeinfhifst als umgekehrt. In dem Verbindungsstück der Zwillinge findet sich eine unempfindliche Zone ; geht man von da zur rechten oder zur linken, so fühlt nur das betreffende Individuum. Berührt man an einer anderen bestimmten Stelle zwei Punkte mit dem Tasterzirkel, so fühlen beide Individuen die zwei Berührungen. Die Gemeingefühle äufsern sich meist gleichzeitig; das Schlafbedürfnis ist nicht immer gleich. Beide sind mit der rechten Hand geschickter; das beweist, dafs die Rechtshändigkeit mehr angeboren als anerzogen ist. Das gilt auch hinsichtlich der ganzen Charakteranlage, da beide Individuen die gleiche Erziehung genossen haben. Das eine Individuum führt, das andere wird geleitet; Streit gibt es daher nur selten bei ihnen. Ebnst Schultze (Andernach). N. Vaschide et C. Vuepas. La vie biologique d’un xiphopage. Nouvelle icono¬ graphie de la Salpétrière. Nr. 3 (Mai-Juni) 1902. 18 S. Paris, Marsan et Co. Verff. untersuchten des genaueren das Verhalten der Herztätigkeit, der Temperatur, der Respiration, der groben Muskelkraft und der Sensi¬ bilität bei den bekannten chinesischen Brüdern und fanden dabei erheb¬ liche Differenzen, die darauf hinweisen, dafs die Gebrüder, trotzdem sie unter möglichst ähnlichen Verhältnissen auf gewachsen sind, ihre eigene Individualität auch nach der Richtung hin haben. Ebnst Schultze (Andernach).