120 TF. A. Nagel. Beurtheilung des Falles unwichtigen Punkte weggelassen hatte (wenn er sie überhaupt für sich zu notiren Veranlassung fand, was ich nicht weifs). Was hat das Alter des Patienten, was die objective Refractionsbestimmung, was die Pupillenerweiterung mit dem IVesen der erörterten Frage zu thun? Spielen denn diese Daten in den von Hess selbst untersuchten Fällen eine Rolle? Für mich ist es ja eigentlich nur amüsant, zu sehen, wie Hess hier dem Physiologen gegenüber den Ophthalmologen herauskehrt, der besser weifs, wie man einen Status aufnimmt. Jeder wissenschaftlichen Hypothese ist gewifs die schärfste und eindringendste Kritik zu wünschen, ja es wird im Allge¬ meinen der Vertiefung der Forschung nur förderlich sein können, wenn einer Hypothese von einer Anzahl von Forschern zunächst mit Skepsis begegnet wird. Aber es ist ein Unterschied, ob dabei der gute Wille besteht, eine fremde Anschauung gerecht und objectiv zu würdigen, oder die Tendenz, systematisch Schwierigkeiten zu construiren; ein Unterschied, ob man jeden Satz des Gegners so auffafst, wie es durch den Sinn des von ihm vertretenen Gedankens gefordert wird, oder so, wie er etwa Gelegenheit zu irgend einer Bemängelung geben könnte; es ist ein Unterschied, ob man seine Stellung in der wissenschaftlichen Welt dadurch zu sichern und zu heben sucht, dafs man die eigenen Anschauungen begründet und mit Beweisen zu stützen sich bemüht, oder dadurch, dafs man die Arbeit Anderer in den Augen der Leser mit allen Mitteln zu entwerthen sucht; es ist ein Unterschied zwischen ernster wissenschaftlicher Erörterung und literarischer Klopffechterei. Ob die Hess sehe Polemik noch der ersteren Kategorie zu¬ zurechnen sei, den Zweifel wird Mancher mit mir theilen. Eine spätere Zeit mag beurtheilen, ob eine solche Tendenzpolemik der Klärung der Anschauungen förderlich oder nachtheilig, ob sie ein wissenschaftliches Verdienst oder das Gegentheil war. Darin aber glaube ich auch jetzt schon auf die Zustimmung jedes sachkundigen und unbefangenen Lesers rechnen zu dürfen, dafs die Fortsetzung der Discussion in diesem Stil völlig zwecklos wäre, auch wenn man sich dazu überwinden wollte. Ueber Arbeiten, die eine derartige sachliche Incorrectheit mit einem deraitig anmaafsenden Tone verbinden, darf man zur Tagesordnung übergehen. (Eingegangen am 2. Juni 1902.)