76 Literaturbericht. Tragischen in den anderen Künsten wird nicht eingegangen — stellt sich dem Yerf. als eine Spaltung der Persönlichkeit dar. Die ethische Persön¬ lichkeit wird zermalmt, während die ästhetische jubilirt. Der Genufs an der Tragödie wird nur dadurch möglich, dafs wir eine Seite unseres Wesens — hier die ethische — verschliefsen können, um eine andere auf- zuthun.“ Die Frage nach dem Vergnügen an tragischen Gegenständen wird also nicht gelöst, sondern dadurch umgangen, dafs das Tragische in der Tragödie geleugnet wird. Die Tragik soll in der Tragödie nicht voll „zu Worte kommen“. „Am Tragischsten wirkt vielleicht ein Extra¬ blatt oder ein geschichtlich berichtetes, tragisches Geschick. Die Tragik der Tragödie macht sich erst geltend, wenn wir sie nicht mehr sehen.“ „Der tragische Schlufs ist nichts anderes, als die Forderung, dafs das Stück mit dem Accord und in der Tonart endige, auf die alle Führung der Stimmen und alle Modulationen hinwiesen.“ — Trotz vieler geistvoller Be¬ merkungen und psychologischer Einblicke, welche auch dieser zweite Theil der Arbeit bietet, bleibt hier doch das Problem, der Genufs an der Tragödie, ungelöst. Das Wesentliche ist, dafs das Tragische einmal als Gegen¬ stand künstlerischer Behandlung erkannt ist. Mifsverstandener Formalis¬ mus aber ist es, wenn man die Frage, wie ein Gegenstand durch künst¬ lerische Behandlung genufsreich wird, dadurch zu lösen sucht, dafs man den Genufs uaf die formalen Elemente schiebt, den Gegenstand aber seiner eigensten Charakteristik durch die künstlerische Behandlung verlustig gehen läfst. — Edith Kalischer (Berlin). D. Irons. Natural Selection in Ethics. Philos. Review 10 (3), 271—287. 1901. I. unterzieht die Theorien, welche die Ethik aus den biologischen Momenten der natürlichen Auslese ableiten wollen, einer eindringenden Kritik. Er weist einerseits nach, dafs aus dem supponirten rein egoistischen Naturzustände des Kampfes aller gegen alle niemals, wie Darwin u. a. behaupten, durch zufällige Variation und natürliche Zuchtwahl Sympathie hätte entstehen können; und er führt andererseits aus, dafs nicht indifferente Selbsterhaltung, sondern die innere Verpflichtung, sich dem Ideal zu nähern, Ziel alles ethischen Thuns sei; an diesen Inhalt reicht aber die Kategorie des Ueberlebens des Angepafstesten überhaupt nicht heran. W. Stern (Breslau). R. Manno. Die Voraussetzungen des Problems der Willensfreiheit. Zeitschrift für Philosophie und philos. Kritik 117 (2), 210—223. 1901. Verf. hat in seiner Schrift: Heinrich Hertz — für die Willensfreiheit? (Leipzig, Engelmann, 1900) die Möglichkeit der Willensfreiheit darzuthun gesucht. Vorliegender Aufsatz giebt sich nur als Plan, gleichsam als Programm zu dieser Schrift. Es sei daher auf die hier gänzlich unzu¬ reichende Beweisführung nicht eingegangen, sondern nur der Standpunkt des Verf.’s kurz gekennzeichnet. — Wesentlich ist, dafs die Möglichkeit der Willensfreiheit als Problem der phänomenalen Welt betrachtet wird. „Kann die Mechanik, als die Wissenschaft von der Ordnung und den Eigen¬ schaften der Phänomene, die freie Bewegung der Massen zulassen, so