54 Literaturb er icht. und sodann: dafs sie die Ueberzeugung verbreite, Kant könne „auch unserer Zeit noch ein Führer durch das Leben (nicht der einzige, aber doch einer) sein“. Kant’s Lebensanschauung ist nach Richter das wohlthätigste Gegen¬ gewicht für manche Strömung der Zeit, besonders für ihren überspannten Subjeetivismus und Individualismus. Die KANT-Aussprüche „sind ,Unzeit- gemäfse Betrachtungen', insofern sie mancher Strömung der Zeit schnur¬ stracks zuwiderlaufen ; und doch sind sie in hohem Grade zeitgemäfs, eben weil sie das enthalten, was der Zeit fehlt“. Es ist lebhaft zu wünschen, dafs recht Viele, denen Kant bisher nichts war als ein blofser Name, sich an den Schätzen erfreuen, die hier geboten werden. Was dagegen die weitergehenden Wünsche und Erwartungen Richter’s anlangt: so sind es, fürchteich, blofse Utopien. Will man starke Strömungen eindämmen oder gar in andere Bahnen lenken, so ist es in einer Zeit wie der heutigen umsonst, Kräfte der Vergangenheit aufzubieten. Was uns noth thut, sind in erster Linie nicht grofse Gedanken, sondern grofse Persönlichkeiten: lebende und lebensvolle. Ein aufstrebendes Volk birgt in sich selbst Heilmittel gegen die Uebel, unter denen es leidet. Und je nachdem die Noth der Zeit es fordert, bringt es die grofsen Männer hervor, deren es bedarf. E. Adickes (Kiel). G. Moskiewicz. Der moderne Parallelismus. Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie 21 (136), 257—275. Mai 1901. Vorliegender kritischer Bericht ist hauptsächlich dazu bestimmt, die Weltanschauung des parallelistischen Monismus, wie dieselbe vom Ref. u. A. entwickelt worden ist, in dem Kreise der Neurologen und Psychiater näher bekannt zu machen. Ref. kann nur erklären, dafs der Verf. diese Aufgabe in vorzüglich klarer und sachgemäfser Weise gelöst hat, und seine Freude darüber ausdrücken, dafs die betreffenden Anschauungen durch einen so berufenen Interpreten den Herren Collegen von der somatischen Seite vor¬ gelegt werden. Heymans (Groningen). W. Smith. Professor Thill y on „Interaction“. Philos. Review 10 (5), 505—514. 1901. In einer Polemik gegen Thilly, der sich gegen den Parallelismus und für die Wechselwirkung ausgesprochen hatte sucht S. durch eine erkennt- nifstheoretische Betrachtung darzuthun, dafs beide Theorien schon im Ausgangspunkt einen Fehler begehen. Ihr Problem ist nämlich die Be¬ ziehung zwischen zwei durchaus heterogenen Formen des Seins : Hirn und Seele. Da aber das Gehirn uns nur als Summe von Empfindungen, also Bewufstseinsinhalten gegeben ist, so ist in Wahrheit jene geheimnifsvolle Heterogeneität überhaupt nicht vorhanden. W. Stern (Breslau). F. le Dantec. La définition de l’individn. Rev. philos. 51 (1), 13—35; (2), 151—172. 1901. Die leitenden Gesichtspunkte der Abhandlung, die ihrer Ausführung nach uns ferner liegt, sind folgende: Die Eigenschaft, ein Individuum zu sein, ist unabhängig von der morphologischen Complexität. Man könnte als Individuum eine Masse be-